Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 366 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Edmond Fleg in die Zukunft leuchtet; das Volk, das sie verkündet, muß sie im Lauf dec Jahrhunderte zusammen mit den anderen Völkern zu menschlicher Wirklichkeit werden lassen. Die Einheit des Menschen ist, wie die Einheit Gottes, für den Juden ein Glaubensartikel; und wenn ich im Gewissen meines Stammes forsche, was meine Pflicht als Jude ist, gibt mir sein Gott die Antwort: „Deine Pflicht als Jude ist deine Pflicht als Mensch". Du siehst, mein Kind, wie weit ich nun von meinem „Logiker" abgerückt war: da er jenseits des jüdischen Glaubens argumentierte, schien er die Menschheit und seine Rasse einander entgegenzustellen; als Jude sollte ich meine Rasse und die Menschheit verschmelzen. Israel in alle Ewigkeit Ich zweifelte nicht an der Erhabenheit dieser Gedanken. Aber in welchem Maße sollte ich sie mir zu eigen machen? Sie konnten nichts als schöne Trugbilder sein. Mein Herz aber war berührt, wenn auch mein Geist seine kritische Haltung bewahrte. Welche Perspektiven eröffneten sich da! Welche Vergangenheit, und welche Zukunft! Der Traum dieses Volkes war vielleicht eine Illusion: aber welchen Platz wies eben diese Illusion diesem Volk in der Welt an, und welchen Platz mir, der ich von diesem Volk abstammte! Was der Intelligenz des „Philosophen" — der ich schon nicht mehr war — einen Zweifel hinterließ, wagte die Phantasie des Dichters zu behaupten, der ich zu sein wünschte. Ich wollte dem Andenken meines Vaters, das meinem bewegten Herzen gegenwärtig war, eine Art jüdischer „Legende der Jahrhunderte" widmen, die von den alten Zeiten bis zu unserer Zeit das Epos der großen Sendung sein sollte. So entstanden die Gedichte, die den Inhalt der zwei ersten Bände von „£coute Israel" bilden. Unter dem zwingenden Eindruck der Fabeln des Talmud beschwor ich das Bild Gottes herauf, der angesichts der künftigen Sünden, des künftigen Hasses der Menschen zaudert, die Welt zu schaffen; als er jedoch Abraham, Isaak und Jakob gewahrt, die drei Helden ohne Waffen und ohne Heer, sprach er um ihretwillen: „Es werde Licht". Ich erzählte von Ägypten, von den Kriegern und Priestern, welche die Hebräer vor dem Pharao beschuldigten, vom 366