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Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 365

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-10-01
Page
365 (sequence 12)
Language
German
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Warum ich Jude bin Glaube an den Einen Gott, Messianismus; gibt es ein Band zwischen diesen beiden Ideen? * * * Ich sehe! Ich sehe! Ich habe gefunden! Ich begreife! „Liebe den Ewigen, deinen Gott" „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Das sind — so sagen unsere Gelehrten mit Jesus — zwei Gebote, die nur eines bilden: da der Mensch das Abbild Gotles ist, bedeutet Menschenliebe Gottesliebe. „Seid heilig, wie ich heilig bin", spricht der Ewige zu den Hebräern. Der nach dem Bilde Gottes geschaffene Mensch muß seinem Schöpfer gleichen. Da nun Gott Einer ist, soll der Mensch Einer sein. Sich teilend, bricht er hienieden die göttliche Einheit Sie zu verkünden genügt also nicht „Wenn ihr Gott preisen wollt — sagt der Talmud — versucht nach seinen Taten zu handeln." Damit die Herrschaft Gottes komme, muß der von Gott erschaffene Mensch den Menschen neu schaffen, bis die menschliche Einheit auf dieser Welt die göttliche Einheit widerspiegelt und neu aufbaut. Nach dem talmudistischen und kabbalistischen Kommentar der Genesis war Adam, Abbild Gottes, erst Mann und Weib zugleich: die Gattenliebe, Wiederkehr zu dieser Einheit, ist bereits Wiederkehr zum Bild der göttlichen Einheit Die Sünde hat die Menschen vermehrt und uneins gemacht: die Liebe zur Familie, die Liebe zum Nächsten, die soziale Gerechtigkeit, die durch die Einung immer größere Menschengruppen schafft, schafft zugleich ein immer vollkommeneres Bild der göttlichen Einheit; und der Friede der Nationen wird das allervolikommenste schaffen. „Der Name Gottes ist Friede": wenn die Menschen als freie Schöpfer den Menschen geschaffen haben, „wird Gott Einer sein und sein Name Einer". Vertrauen in den menschlichen Fortschritt, Schöpfung des Gottesreichs durch diesen Fortschritt, dies ist Israels Glaube. Die Befolgung seines Gesetzes scheint ihm untrennbar von dem Kommen des Messias, das Kommen des Messias untrennbar von dem des vollkommenen Menschen. Um dieses Versprechen zu erfüllen, will es sich erziehen, sich bewahren, nach dem Wort des Talmud» einen „Kitt" zwischen den Völkern bilden, nach dem Wort Jehuda Halevis „das Herz der Welt" sein; allein unter allen andern sein Schicksal dem Schicksal aller gleichsetzend, will Israel ein Volk von Priestern werden, um der Priester der Menschheit zu werden. Die menschliche Einheit ist also für Israel nicht eine logische Wesenheit, sondern offenbarte Wahrheit, göttliche Wahrheit, die von der Vergangenheit her 25* 365

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