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Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 364

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-10-01
Page
364 (sequence 11)
Language
German
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Edmond Fleg Wie ungerecht war ich gegen jene sechshundertdreizehn Gebote, deren Befolgung von dem Israeliten verlangt wird! Die religiösen Gebräuche, die ich in meiner Jünglingszeit kritisiert hatte, enthüllen sich mir mit einem Male in dem Glanz ihrer großartigen Bedeutung. Für diese Juden galt es, Gott an allen Betätigungen des Lebens, von der höchsten bis zur schlichtesten, teilnehmen zu lassen, jede dieser Betätigungen in eine Huldigung Gottes zu verwandeln und, auf diese Weise selbst Essen und Trinken vergeistigend, das tägliche Leben in eine geistige Ebene zu verlegen. Es galt, durch Ritus, Wohltätigkeit und Buße, durch Fest und Freuden ein „Volk von Priestern" — wie die Bibel sagt — zu schaffen; keine durch Gebet und Betrachtimg vom Leben abgetrennte Priester, aber Priester, die das Leben in allen seinen Formen bejahten und es mitlebten: im Studium, in der Arbeit, in der Familie und in der Gesellschaft, und die jede dieser Betätigungen durch Gebet und Betrachtungen heiligten. Ein Volk, das in seiner Gänze aus Männern bestünde, die meinem Vater glichen. Was für ein Volk! * * * Und das ist noch nicht alles. Israel wollte nicht allein seinetwegen, sondern auch seiner Sendung wegen ein heiliges Volk sein. Seine Sendung! Selbstliebe? Hochmut? ... Nicht bei unseren Propheten, nicht bei unseren Weisen! Israel erscheint ihnen als eine niedrige, elende, von Sünden beladene Rasse, die stets von neuem in ihre Sünden zurückfällt Gott hat diesen Schlamm nur gewählt, um zu zeigen, was er aus Schlamm machen kann. Dann dieser Gott Israels gehört Israel nicht: er ist der Gott, den Israel allen Menschen offenbaren solL Dieses Volk soll, von der Feindseligkeit der anderen Völker umgeben, den Namen des Einen Gottes verkünden, bis zu den Zeiten, wo mit ihm alle Völker den Einen Gott anbeten werden. Israel nimmt die Last des Gesetzes als Diener auf sich und nicht, weil es sich als Herr ausersehen wähnt; nur die Aufgabe, die es sich stellt, bestimmt ihm den Platz so weit abseits von den anderen; es sondert sich von ihnen nur ab, um sie zu einen. * * Zwei Aspekte dieser Sendung: 1. Den Namen des Einen Gottes auf der ganzen Welt verkünden. 2. Hoffen, warten und bewirken, daß der Messias komme und mit ihm Gerechtigkeit und Frieden auf Erden. 364

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