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Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 362

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-10-01
Page
362 (sequence 9)
Language
German
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Edmond Fleg So würde die Gerechtigkeit des Menschen die Gegenwart Gottes auf Erden vermehren und stärken. Der Mensch würde an Gottes Werk sein Teil haben. Er würde die von Gott geschaffene Welt von Neuem schaffen und also vollenden. Sein Irren zerbräche die göttliche Einheit: sein Verdienst gäbe Gott seine Einheit zurück. Hier ist die ganze Mystik Israels. Es fehlt ihr nicht an Größe. * * * Ist denn diese Gotteshypothese unzulässig? Ich kann mir die Bewegung der Zeiger auf dem Ziffernblalt meiner Uhr nicht ohne die Intelligenz vorstellen, die ihren Mechanismus ersann, und nicht ohne den Willen, der sie ausführte: und die harmonische Vielseitigkeit des Weltalls sollte ich mir durch das Spiel blinder Zufallskräfte erklären? Bin ich nicht gezwungen, anzunehmen, daß es irgendwo etwas wie eine Intelligenz und einen Willen gibt, unendlich mächtiger als die des Menschen, und durch die alles erklärt würde? Ich habe seit langem schon den törichten Atheismus und selbst den Agnostizismus meiner ersten philosophischen Ambitionen abgeschworen. Nicht Spencer, nicht Kant wirken mehr auf mich. Ich glaube nicht mehr, daß der Geist, und wäre es auf dem Weg der Evolution, aus der Materie entstehen kann, wenn die Materie vorher nicht den Geist in sich empfangen hat. Ich glaube nicht mehr, daß die Wirklichkeit durchaus unerkennbar ist: sie als unerkennbar empfinden bedeutet schon, sie auf irgendeine Art zu erkennen, und wenn wir ihr, indem wir sie denken, die Formen unseres Denkens auferlegen können, muß es wohl zwischen unserem Denken und der Wirklichkeit irgendeine Entsprechung geben. Die großen Gelehrten unserer Zeit lehren, daß die Wissenschaft selbst nichts als eine weite Hypothese ist, die nur provisorisch und annähernd gewisse Aspekte der Wirklichkeit erklärt Soll ich die Gotteshypothese beiseite schieben, wenn sie mir andere Aspekte eröffnet, nur weil sie eine Hypothese ist? Mündet die streng wissenschaftliche Philosophie von Lachelier. Boutroux, Henri Poincare, die Philosophie ohne Gott, nicht mit Bergson in „Freiheit", „Wirklichkeit des Geistes", „Idee eines freien Gott-Schöpfers"? Und ist nicht eben dies der Gedanke des Judentums? Wie oft habe ich mich dabei überrascht, daß ich in Gedanken, ohne es zu wollen und ohne mir dessen klar bewußt zu sein, dazu neigte, die Gegenwart dieses Geistes in mir anzuerkennen. Wie oft hat dieses oder jenes Er- 362

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