Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 355 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Warum ich Jude bin Morgen schwur ich mir, sie nicht meho zu lesen; jeden Morgen las ich sie wieder. Und jeden Morgen versetzte mich ihre Lektüre in Wut und Bedrängnis. Ich verheiratete mich. Eis wurde mir ein Sohn geschenkt, dessen Sohn du sein wirst, mein Kind. Und da geschah etwas Sonderbares. An dem Morgen, an dem dieser Sohn geboren wurde, las ich jene Zeitung zufällig nicht Und seither habe ich sie nie wieder gelesen. Wieso hat mich die Geburt meine« Sohnes von dieser Besessenheit befreit? Ich wußte es nicht Als er aber ein Jahr alt war, geschah mir etwas noch Überraschenderes. Man hatte mich mit einigem Erfolg aufgeführt; alles hätte mich veranlassen sollen, an dem eingeschlagenen Weg festzuhalten. Und doch verließ ich ihn und befaßte mich durch drei Jahre unermüdlich mit dem Studium des Judentums. Ich glaube jetzt die Kraft zu begreifen, die mich vorwärts trieb und den Augenblick, den sie gewählt hatte, um sich auszuwirken. Ich gehorchte wohi damals schon dem Trieb, der mir heute dieses für dich bestimmte Buch aufzwingt: ich sollte meine Kinder nicht die Religion meiner Väter lehren, doch wollte ich ihnen etwas vom Judentum überliefern. Gibt es ein Gedächtnis des Blutes? Ich kann kaum daran zweifeln, denn was ich damals lernte, schien mir durchaus mehr Erinnerung als Selbsterworbenes zu sein. Vor allem das Hebräische- Oh, ich werde es niemals können wie ich möchte! Aber ich weiß genug davon, um überzeugt zu sein., daß man das Judentum nicht kennt, wenn man das Hebräische nicht versteht Diese Worte, deren seltsame Laute ich in meiner Kindheit so oft aussprechen hörte, diese Worte, deren Sinn mir verschlossen geblieben war, öffneten sich plötzlich vor mir gleich Türen, hinter denen sich ein Schatz verborgen hatte. Und es war nicht nur ihre Bedeutung, die mir Licht brachte, sondern die Seele, die von ihnen ausstrahlte: eine ganze Weit, die Welt meines Vaters und meine eigene, spiegelte sich in dem rudimentären Satzbau, in der Durchsichtigkeit der Abstammung aus ein und derselben Sprachwurzel, der unlogischen Zusammenhanglosigkeit der Bilder, der Unfähigkeit, reine Abstraktionen auszudrücken, den verwischten Umrissen des Verbums, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kaum unterscheidend sich in der Ewigkeit zu bewegen scheint. Ich wollte das religiöse Denken des Judentums kennen lernen. Einige während meiner Lesestunden geschriebene Anmerkungen werden dir besser als alle Kommentare mein Mißtrauen, meine Überraschung und mein Entzücken ob meiner Entdeckungen zeigen: 355