Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 354 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Warum ich Jude bin Von Eidmond Fleg Ins Deutsche übertragen von Mimi Zudterkandl III. Schluß. Die Antwort ließ lange auf sich warten. Ich konnte sie nicht erfinden, ich mußte sie suchen, die lange Geschichte Israels hindurch ihr nachgehen, von den sagenhaften Zeiten der Bibel angefangen bis zu den Letzten Stunden der Gegenwart Diese Arbeit erforderte Jahre, vielleicht ein ganzes Leben. Es erging mir wie Taine, der angesichts der Notwendigkeit, wählen zu gehen, sich gezwungen sah, die „Origines de la France contemporaine" zu schreiben, um sich eine Meinung zu bilden. Aber ich war kein Taine. Es fehlte mir der Mut. Ich fühlte mich von ehrgeizigen Bestrebungen anderer Art erfaßt, die weniger Selbstverleugnung erforderten. Die Literatur, das Theater zogen mich an; ich konnte ihrer Lockung nicht widerstehen. Doch die Frage ohne Antwort kehrte immer wieder: Wie ist man Jude? Warum ist man Jude? Und zugleich mit ihr immer wieder der Vorwurf meines Gewissens, daß ich aus Trägheit nicht geantwortet hatte. Jahre vergingen. Meinen lieben „Logiker" sah ich oft wieder. Vom Nationalismus zum Royalismus übergehend hatte sich sein Denken folgerichtig entwickelt und ich litt, wenn ich meine eigene Unordnung damit verglich. Ich las jeden Morgen zwei Artikel in einer Zeitung, die noch heute erscheint: der eine legte in der klaren, gemäßigten Ausdrucksweise einer vollkommenen Sprache die Doktrin des absoluten Nationalismus dar; der andere verwandelte mit staunenswerter Erfindungsgabe für derbe Ausdrücke diese Doktrin in Beschimpfungen. Die Beschimpfungen galten fast alle den Juden; und da sie den Juden galten, galten sie mir. Diese Zeitung las ich jeden Morgen; jeden 354