Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Auflösung und Werden in unserer Zeit
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 352 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman Damit ist freilich auch gesagt, daß das Verstehen selbst zeitlich, geschichtlich ist, daß die Einheit, die es schafft, nicht mehr ist als das Leben eines vergänglichen Augenblicks. Und doch ruht in diesem Augenblick all unsere Wahrheit und die ganze Beziehung unserer Zeit auf unsere Ewigkeit Auch die vergängliche Einheit des Verstehens ist ja nichts anderes, als Überwindung letzter Gefahr: der Gefahr des völligen Auseinanderstürzens unserer Welt — Aber damit erkennen wir auch, daß alle die auflösenden Mächte der Zeit in der Zerstörung unseres Wesens, wie die Kräfte des sprengenden Erdreichs dem Saatkorn, uns den in unserem innersten Leben selbst schlafenden Keim der Erlösung entgegentragen. In all diesen Strömungen lebt gemeinsam das Eine: die Richtung auf die Wahrheit: — die Wahrheit dieses geschichtlichen Augenblicks: diese Wahrheit, die einzig uns selbst zu verwirklichen aufgegeben ist Denn unsere» Aufgaben schenkt uns einzig die Geschichte; aber nur wir sind es, die sie ergreifen können. Darum ist die Wahrheit des Heute immer streng und fordernd, weil sie niemals etwas Geringeres von uns fordert als uns selbst. Und damit taucht in dem angstvollen Ringen um das Jetzt auch der Tod als das letzte Mysterium des persönlichen Daseins wieder herauf: der Tod, der uns nicht mehr wie im Kosmos Buße für die Schuld der Vereinzelung des Daseins, noch wie in der Schöpfung Strafe Gottes für den menschlichen Sündenfall, — der uns aber ebensowenig in einer Welt, die in ihr eigenes Verständnis zurückzukehren drängt, mehr eine bloße Naturtatsache und ein für das Leben des Geistes irrelevantes Geschehen sein kann.1) Auch er ist in unserem Leben zur reinen Frage geworden. Was kann der Tod, die absolute Grenze unseres Daseins, uns bedeuten in einer nicht mehr im Glauben verbundenen» nicht mehr heilsfähigen Welt? Wir wissen dies und nichts als dies: wir sind gefordert Wir wissen kein Woher und kein Wohin: wir wissen einzig um die Forderung des Jetzt und Hier. Dies ist für uns der Sinn unseres Todes: daß allein das Jetzt und Hier* allein dieser kurze verlöschende Augenblick über den ewigen Sinn unserer Existenz entscheidet Tod bedeutet für uns die Konzentrierung auf unsere eigenste Zeit: auf diesen einen, unseren geschichtlichen Augenblick. Wir wissen nichts mehr von Ewigkeit im Sinne eines Einst, von Verwerfung und Gnade eines außerweltlichen Gottes. Wir wissen von Ewigkeit nur als von unserer l) Franz Rosenzweig hat in seinem „Stern der Erlösung" den persönlichen Tod als Ausgangspunkt aller Philosophie — Martin Heidegger hat in seinem Buch „Sein und Zeit" den Tod und „das Vorlauf en zum Tode" als den Quell aller existentiellen Selbstbesinnung erschlossen. 352