Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Auflösung und Werden in unserer Zeit
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 351 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Auflösung und Werden in unserer Zeit durch ihr Bild sich in entscheidender Weise verändern. Sie wird ihrer selbst inne: ihre Ewigkeit strömt in ihre Zeitlichkeit ein. Die Ewigkeit bleibt nicht mehr schweigend und bewußtlos unter ihrem Leben ausgebreitet, sondern sie wird aufgenommen in die lebendige Existenz. Dies ist das Wunder, das sich heute für die Frau begibt: daß sie im Augenblick, wo sie ihre eigenste Sphäre preiszugeben scheint, aus ihr die letzta Möglichkeit zur Gestaltung ihres neuen Bildes empfängt Die Frau ist heute stärker als der Mann; denn sie ist nicht ganz so tief wie er zerstört, weil sie nicht ganz so tief zerstörbar ist Ihre Zerstörung hat eine Grenze an eben de* zeitlosen, von der Geschichte unberührbaren Unmittelbarkeit, aus der sie lebt und der sie nun die ganze Kraft ihrer Verantwortung in einem neuen Wissen zuwenden muß. Indem sie sich selbst bewußt aus dem dunklen flutenden Reich des unbewußten Lebens emporschöpft, muß sich in ihrer Hand das zerstörende eigengesetzliche Element, wie in der Hand der frommen Brahmanin das Wasser des heiligen Stromes, zur kristallenen Kugel ballen: zum Bilde ihres neuen Menschentums. So macht die Revolution der Frau nur klarer, unmittelbarer das Gesetz sichtbar, das in jeder der drei heutigen Revolutionen lebt: daß sie alle ein Aufruf zur Gestaltung eines neuen Menschentums in der gegebenen konkreten Form, d. h. ein Aufruf zum Verständnis der eigenen geschichtlichen Aufgabe sind. Nur im Verständnis seiner selbst in diesem geschichtlichen Augenblick kann der heutige Mensch auf den Weg zu sich und damit Ober sich hinaus gelangen. Die Grundkraft unseres kosmisch zerfallenen Lebens ist das Verstehen: Verstehen als Grundfunktion einer weltlosen Welt: als Zugang der isolierten Individuen zu einander und zu dem Urphänomen des Daseins überhaupt Es ist der Ersatz für die verlorene Identität im Religösen, der Weg zu einer neuen Lebensidentität, ist das Suchen eines neuen Zugangs zu im Sein und Denkeni verrammelten Welten durch tiefste Einkehr in die eigene Existenz. Denn verstehen kann nur der sich selbst verstehende Mensch. Alles Verständnis ist im Grunde Selbstverständnis. Nur im sich selbst verstehenden Dasein erschließt sich auch das fremde. Und damit wird es klar: nur der sich selbst, wandelnde Mensch kann das sich wandelnde Dasein, die geschichtliche Wandlung des Daseins verstehen. Alles andere bleibt außerhalb des im eigentlichen Sinne Geschichtlichen. Wahres Verstehen geschichtlichen Daseins bedeutet Wandlung unserer selbst. 351