Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Auflösung und Werden in unserer Zeit
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 350 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman Denn dies alles sind keine Akzidentien, sondern Ausdruck ihrer Lage selbst Auf keinen Fall kann die Frau ihr Problem lösen, indem sie die Auflösung unserer Welt zu verhindern oder aufzuhalten strebt; sie hat sich bereits entschieden, sie durch ihren Eintritt in das geschichtliche Leben selbst bejaht Ihr Lösungsversuch kann nicht in der Rettung des Vergangenen, kann nur darin bestehen, daß sie ein neues Bild ihres Seins aus dem Chaos des sie bedrängenden und auflösenden Lebens emporzuheben strebt Und ein Weg steht ihr hier offen wie nie zuvor einer Generation von Frauen. Die heutige Frauengeneration hat das Eine, Unermeßliche vor allem vergangenen voraus, daß ihr Leben befreit ist nicht nur von allen äußeren Vorurteilen, sondern auch von denen, die sich in ihr selbst als Gefühl und Glauben gaben, daß sie darum wissender, hellsichtiger ist, unendlich reicher an Möglichkeiten eines echten und neuen Lebens, — weil ihr nicht erlaubt, sondern ge*- boten ist, aus ihrer eigenen Wahrheit zu leben. Wie dunkel und problematisch diese Wahrheit ihres eigenen Lebens sich in einer vom Sinn losgerissenen Welt ihr geben mag: es ist i h r e Wahrheit, die Wahrheit ihres Lebens — und damit springt dennoch ein Tor zu einem neuen Dasein auf. Das Gewissen der Frau, befreit von Jahrtausende altem Druck, ist aus einem ihr fremden zu ihrem eigenen Gewissen geworden. Der Anruf entgeht an sie unmittelbar; nicht an sie als Mutter, als Frau — sondern an sie als Mensch mit seiner ganzen Daseinsfülle, in die sie ihr Schicksal als Frau, als Mutter: die gesamte, dem wachen Gewissen ursprünglich entrückte Sphäre unbewußten Lebens in immer wachsender Durchdringung mit hineinnehmen muß. Hier ist ihr Weg, die ihr eigene Aufgabe: aus ihrem im göttlichen Gesetz verankerten Gewissen dennoch dem zerfließenden Leben eine neue Gestalt zu geben. Und dies aus dem Mittelpunkt ihres Gewissens erwachsende neue Bild der Frau ist kein bloßer Traum; seine Verwirklichung ist durch die Verschränkung mit den beiden anderen Revolutionen, in ihnen selbst, in greifbare Nähe gerückc. Wie in der Richtung auf die Totalität menschlicher Gemeinschaft, in der fraglosen Verbundenheit alles Menschlichen uralte Fesselungen und Hemmungen gerade des Frauenlebens sich lösen, so trägt das geheimnissvolle Unterreich ihr als eine neue ungeheure Erschließung die Quellen ihres eigenen Daseins entgegen. Denn dies zeitlose Reich mit sich selbst identischen Lebens ist ja vor allem das ihre, wie es von je in unentschleierter Gewalt unter ihrem Dasein ruhte. Wenn es sich heute zu entschleiern beginnt, wenn der Frau der Blick in ihr eigenstes Reich frei wird, so muß gerade da- 350