Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Auflösung und Werden in unserer Zeit
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 349 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Auflösung und Werden in unserer Zeil Gewiß: man wußte früher nichts von den schweren Schädigungen, die aus abgedrängten Liebeswünschen entstehen — aber von dem Augenblick an, wo der Blick in diesen Abgrund entschleiert war, war jene strenge Reinheit und Abschließung der Frau nicht nur zu einem brennenden psychologischen, sondern als Frage der Lebenswahrheit zu einem ethischen Problem geworden. Die heutige Generation hat es einfach genug gelöst, indem sie es als Problem überhaupt über Bord geworfen hat Aber darin liegt keine Lösung. Denn bloße Auflösung ist niemals Lösung — sie kann höchstens deren Vorbote sein. Das Problem der Frau muß in seiner ganzen Tiefe aufgenommen, die Problematik der zu Ende geführten Frauenbewegung in ihrer ganzen Paradoxie gesehen werden. Die Frau erlebte ihre Befreiung in dem Augenblick, wo jeder feste Standort des Menschlichen verlassen war, wo die Wirklichkeit sich aus dem Individuum wieder zurückzuziehen begann ins allgemeine Leben. In diesem Augenblick des Zerfließens des klaren Menschenbildes trat sie in das Leben des Mannes ein. Und indem sie sich vorbehaltlos in seine Welt hineinstellte, ist ihr Bild mit dem seinen zerflossen. Der ganze ursprüngliche Bestand ihres Wesens scheint damit aufgelöst Die Ungeschichtlichkeit ihres Seins selbst ist in Gefahr; jener Punkt ihres Daseins, an dem sie über die Geschichte hinaus, unter sie hinabreicht und eben dadurch für die Welt desa Mannes eine fremde und geheimnisvolle Erschließung. Sicherung zugleich und Bedrohung bedeutet Darum dokumentiert sich vor allem im Erotischen die ungeheure Wandlung des Typus Frau in ihrer ganzen Macht Die Frau als Ehefrau, als Mutter durchaus im eigentlichen Sinn ist nicht mehr die Frau unserer Zeit. Wie keine andere Gestalt hat sie damit ihr Wesen aus ihrer metaphysischen Wurzel ausgerissen. Und gerade von dieser tiefsten Zerstörung aus müssen wir die Frage stellen, was in diesem Augenblick, wo das männlich-menschliche Gesetz seine Kraft, unsere Welt zu gliedern verloren hat, der Einsatz der Frau, der doch letzthin zu jeder Zeit der des göttlichen Gesetzes sein muß, an wirklich Entscheidendem für unser Leben bedeutet So kann diese Frage heute nur negativ lauten: Wo bleibt der Bestand einer Welt, den vor allem und am reinsten die Frau zu wahren hatte, wenn sie ihn verrät? Wo sollen Mann wie Frau die Kraft zum Leben finden, wenn die Frau sich als Frau, als Mutter selbst aufgibt und ihre Ewigkeit sich in der Zeit auflösen läßt? Wenn sie die Wege des Mannes geht statt die ihr eigenen, wenn sie die Ehe lockert und zerbricht, die Mutterschaft verneint oder verringert, den Eros verrät, indem sie das Sexuelle in seinem Selbstwert bejaht? 24* 349