Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Auflösung und Werden in unserer Zeit
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 348 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman Die Frau, die in das Leben der Geschichte durchgebrochen ist, hat an männlicher Arbeit, an männlichen Problemen, am männlichen Leben als eine Gleichberechtigte teil. Sie verwaltet die Ordnungen und Gesetze des Mannes mit, sie hilft an ihnen bauen und sie — wo er selbst dahin drängt — zery 6tören. Sie ist eine andere geworden. Sie hat die Idee ihres Wesens, wie sie in der europäischen Welt lebte, preisgegeben. Sie ist aus dem göttlichen Gesetz ausgebrochen. Um diesen Preis hat sie das Leben im Licht des Tages neben dem des Mannes erkauft Und es stellt sich die Frage: War dieser Preis nicht zu hoch? Der Sieg der Frau ist ein ungeheurer, in seinen Wirkungen auf sie selbst und auf die Struktur und den Sinn unseres Lebens kaum abzumessender. Aber war es nicht dennoch ein Pyrrhussieg? Hatte nicht die Frau, indem sie etwas, indem sie viel wurde, zugleich alles zu verlieren? Nichts war sie nur in der Welt der männlichen Ordnung, des menschlichen Gesetzes gewesen — in der ursprünglichen Ordnung des göttlichen Gesetzes aber war sie nicht Nichts und nicht Etwas, sondern Alles. Dies All ist ihr verloren. Sie ist der Nacht untreu geworden. Sie ist die Hüterin der dunkel brennenden Flamme des göttlichen Gesetzes weder als Vestalin noch als Liebende geblieben. Der Begriff der Reinheit wie der der Liebe in jenem tiefsten Sinne, in dem beide voneinander unabtrennbar sind, 'ist unserer Welt verloren. Nun aber erhebt sich wieder von den beiden anderen Revolutionen aus die Frage: Hatte die Frau in der heutigen Welt ein Recht, Hüterin dieser Flamme zu bleiben? War diese Haltung noch geschichtlich wahr? Die eine, die proletarische Revolution fragt: War die Liebe, die Reinheit in diesem Sänne nicht allein auf dem Grunde der Lebensbedingungen einer sich für das Ganze setzenden Klasse möglich? Hatte sie über die bürgerliche Welt hinaus Geltung? Hier kann die Antwort keinem Zweifel unterliegen: In unserer Welt war nujr >. auf Grund des Besitzes, der Ruhe, der Mittel und der Zeit zur Bildung eine solche Haltung möglich. — Und die andere, die Revolution des Triebleben», fragt: War eine solche vestalisch reine und ausschließende Liebe nicht erkauft um den Preis der Verdrängung und Verleugnung des Lebens in seiner lebenr digen Ganzheit, der fraglosen Hingabe an einen Eros, der Katastrophe und Katharsis und Erlösung zugleich bedeutet und damit erst die ganze Tiefe und Wahrheit des menschlichen Lebens zum Ausdruck und zur Entfaltung bringt? 348