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Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 347

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Auflösung und Werden in unserer Zeit
Date
1928-10-01
Page
347 (sequence 13)
Language
German
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Auflösung und Werden in unserer Zeit dem Namen des göttlichen Gesetzes dem menschlichen Gesetze, das das dos Mannes ist, gegenübergestellt hat Das menschliche Gesetz ist nur ein ordnendes, verwaltendes; das göttliche ist das ursprünglich gegebene: das dunkle, unterirdische, das vorbewußte und unterbewußte Gesetz, das der bewußte Geist durch sein Gesetz nicht aufhebt, sondern in dem er selbst als in seinem mütterlichen Grunde wurzelt, dem er sich aber, sobald es selbständig gegen ihn aufsteht, feindlich kämpfend gegenüberstellt Wir sehen: dieser Begriff des göttlichen Gesetzes reicht weit über die bürgerliche Welt hinaus, obwohl der reine Geist sich an. ihm selbst in grandioser Weise seiner Freiheit und Andersheit vergewissert hat Aber im Grunde bezeichnet dies Gesetz dieselbe Sphäre, die in der Schöpfungsgeschichte Adam der Frau unter dem Namen Heva — das ist Leben — angewiesen hat Und keine andere ist es auch, die in der griechischen Antike die Pythia aus dem verschlossenen Abgrund des Seins die Wahrheit künden läßt und die in der unerschütterlichen ursprünglichen Lebensgewißheit der Antigone sich dem losgelösten Wissen des männlichen Geistes entgegenstellt Es ist das außergeschichtliche, physisch-metaphysische Gesetz, nach dem die Gestirne sich bewegen, die Blumen aufblühen, die Früchte reifen: das Gesetz des Entstehens und Vergehens, des Lebens und Todes selbst, in dem das Wesen der Frau wurzelt und dem es verbunden bleibt bis ins Menschlichste empor. Dies nächtige, vorbewußte Gesetz ist nicht wie das menschlich-männliche Gesetz des Geistes ein zeitbestimmtes., wechselndes, der geschichtlichen Entwicklung unterworfenes, dem die Wahrheit von heute nicht die von morgen ist, sondern es ist ein unverrückbar Gesetztes, ein Ewiges. Im Namen dieses unverrückbaren göttlichen Gesetzes, in dem noch keine Auseinandersetzung zwischen Mensch und Welt stattgefunden hat, das darum ein vorethisches ist, wurde die Frau bis zum heutigen Tage der geschichtlichen Welt verborgen gehalten. Die Gegenseite der Verehrung des göttlichen Gesetzes, in der sie lebte, war ihre geschichtliche Verborgenheit und ihr stummer Dienst am Manne und seinem Werk. Das Wort: „Dienen lerne bei Zeiten das Weib nach seiner Bestimmung" ist das genaue Korrelat jenes anderen Wortes: „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan';. Hierin empfand der europäische Mann keinen Widerspruch — und innerhalb der der Frau angewiesenen Sphäre war es keiner. Sobald aber die Begriffe der männlichen Ordnung als Maßstab auch an das Bild der Frau angelegt wurden, wurde der Widerspruch offenbar. 24 347

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