Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Auflösung und Werden in unserer Zeit
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 346 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman Um wieviel mehr müssen Mensch und Mensch im einfach liebenden Besinnen auf ihre ursprüngliche Lebensidentität eins sein. Aber hier mischt sich die dritte auflösende Macht ein, das reine Und, die Möglichkeit liebenden menschlichen Einsseins beflügelnd zugleich und gewaltsam verstörend: der Mensch des anderen Geschlechts — und mit ihm die Verwirrung und Problematik, die von je — zum mindesten seit der christlichen Weltära — im Eros lauerte und die im Lauf der europäischen Entwicklung das erotische Leben auseinandergetrieben hat in die beiden äußersten Pole der Askese und der restlosen Bejahung des Triebes, wie wir sie heute — in engem Zusammenhang mit der Revolution der Frau — erleben. So zeigt sich hier deutlich, wie wenig eine dieser Revolutionen ein selbständiges Leben hat, wie tief sie überall ineinander verschlungen, wie sie nicht voneinander zu lösen sind. Wenn z. B. eine Menge von Frauen — auch der sogenannten bürgerlichen Schichten — heute ein proletarisches Dasein führen, so ist es nicht zu sagen, was hier das Erste und Verursachende ist: die Proletarisierung unseres Lebens oder die Befreiung der Frau. Und wiederum ist auf der anderen Seite das Heraufkommen der Frau, ihre Eroberung des männlichen Reiches, gar nicht zu lösen von dem Heraufkommen jener anderen unterirdischen Macht, die gefahrvoller und zerstörerischer noch als die beiden anderen in unser Leben heraufdrängt: von dem Heraufkommen des unterbewußten Reiches: der Nachtwelt der Triebe. Ja, hier scheint die Verflechtung so eng, so durchdringend, daß die Frau selbst die Pandora zu sein scheint, die die Büchse all dieser unendlich zweifelhaften und schwerwiegenden Geschenke über die Menschheit auszuschütten berufen ist So ist es nicht zufällig, daß der erste von diesen fremden Mächten bis in die Wurzel seines Seins Erschütterte und von ihnen Hinabgerissene ihr Reich auf den Namen Wreib getauft hat Und wirklich ist ja auch die Frau in diesem Strudel losgelassener Mächte mit emporgekommen. Die beiden großen Mächte der proletarischen Welt und der Triebwelt haben sie gleichsam auf ihren Armen mit emporgetragen. Niemals hätte die Frauenbewegung allein trotz aller intensiven Arbeit und trotz des leidenschaftlichen Befreiungswillens einzelner die Macht besessen, so schnell und so gründlich und über ihre Wünsche hinaus die Revolution der Frau in unserem Leben zu Ende zu führen. Die Frau steht heute neben dem Manne im Licht des Tages. Ein uralteis Gesetz scheint damit durchbrochen: jenes geheimnisvolle Gesetz, das Hegel auf dem Höhepunkt der bürgerlichen wie der geistigen Entwicklung Europas unter 346