Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Auflösung und Werden in unserer Zeit
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 345 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Auflösung und Werden in unserer Zeit und fast Unmöglicheres geben, als den Menschen noch in seinem Triebleben zu lieben. Und doch fordert vielleicht kein anderes Bild des Menschen so sehr unsere Liebe. Denn in diesem zerrissenen, schwankenden Menschenbild steigt ja durch die dumpfe bindende Welt der Triebe das Weltleid selbst in seiner' ganzen Dunkelheit herauf. Nicht mehr nur das Mitleid mit leidenden und verhüllten Göttern — wie es noch Nietzsches heroischer Idealismus lehrte — ist uns heutigen Menschen aufgegeben, sondern tiefer hinab: auch das Mitleiden mit der dumpfen leidenden Kreatur selbst, die schwer und unbegriffen wie eine Art trauernder unterpersönlicher Gottheit aus den hilflosen Menschenaugen hervorblickt Denn hier offenbart sich zuletzt unter alier Hülle und Maske und Schminke, hinter allem Taumel von Tanz und Lust und Ausgelassenheit unserer Zeit die unendliche Hülflosigkeit des Menschen, seine verzweifelte Wundheit Die Erforschung und Analyse der Psyche hat ja nicht nur die unter - psychisch und überpsychisch gesetzhafte Struktur des Verschlungenseins alles Lebens aufgedeckt, sondern sie hat ebenso die tiefe heimliche Verwundung in allem persönlichen Dasein sichtbar gemacht, die dadurch entsteht, daß dag Menschenleben als einzelnes nie im Leben der Gesamtheit rein aufgeht und darum notwendig von ihm verletzt wird. Wir wissen es jetzt, wir haben es begriffen : daß in allem persönlichen Leben man zuerst nach seiner Wunde suchen muß, nach der ihm früh geschlagenen Wunde, die heilbar ist nur durch ein letztes Verstehen seiner selbst in seinem Zusammentreffen mit der Welt Liebe? Wir weichen auch hier vor der Heiligkeit des Wortes noch zurück. Die Analyse fordert zur Heilung der Wunde an Stelle der Liebe kühles Wissen. Aber als Frage nicht des gerufenen und berufenen Arztes, sondern unserer ganzen menschlichen Existenz — der gegenüber die Haltung selbst des Arztes noch eine nachträgliche ist — handelt es sich hier nicht um ein Verstehen durch bloßes Wissen, sondern um ein Verstehen durch Identität — eine Identität des Lebens im Reich des Unterbewußten, die aller Besonderung in Gestalt und Person vorausliegt Und damit ist auch von dieser Seite her unser Weltbild verändert Der Raum verliert auch hier seine kalte trennende Kraft Auch hier tritt an Stelle der leeren Trennung in Subjekt und Objekt die 'unmittelbare Verbundenheil in einer ursprünglichen Lebenskontinuität Das Und wird zum Entscheidenden. Schon Arzt und Patient sind — wie die moderne Psychologie weiß — in der Analyse nicht mehr zwei — sondern eine untrennbare Gestalt des Lebens. 345