Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Auflösung und Werden in unserer Zeit
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 344 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman tinuität könnte die Form dieses neuen Raumgefühls, dieses neuen Weltgefühls sein. Liebe? — Wenn es Liebe ist, dann ganz gewiß in einem vollkommen anderen Sinne, als wir sie bisher begriffen. Liebe in einem völlig unromantischen, sogar unerotischen Sinn. Liebe nicht im Sinne der heißen romantischen Vertiefung der Persönlichkeit in die Persönlichkeit, und auch nicht im Sinn des platonischen Eros, der durch die Schönheit des erblickten Menschenbildes zum metaphysischen Reich der Schönheit überhaupt aufsteigt Dieser Liebesbegriff hat für eine solche Welt bloßer Unmittelbarkeit des nackten Daseins seinen Sinn verloren. Und damit steigt die Frage auf: Wen, wohin haben wir bisher geliebt? Und wir erkennen: es war das Trugbild der freien selbstherrlichen Persönlichkeit Wir hatten das Individuum, den Einzelnen überfüllt mit Inhalt und Wert; es hält dem Ansturm des kollektiven Lebens nicht stand. Es schwankt, seine Form zerbricht und flutet hinaus ins allgemeine Leben. Und statt in das Reich der Schönheit und der ewigen Ideen blicken wir in die stummen traurigen Augen der Kreatur. Nun gilt es vor diesem Anblick des Menschen die Liebe nicht zu verlieren. Und schwerer, düsterer noch ist sein Anblick gefährdet von dem anderen Strom der Auflösung, der aus der Welt des unterbewußten Lebens in seiner ganzen Dunkelheit in uns herauf- und über uns hereinbricht und das Bild der Persönlichkeit, wie wir es kannten und ehrten, in Frage stellt Ist es möglich, auch dies zerrinnende Bild aus Traum und Trieb noch zu lieben, zu verehren? Ist nicht von dieser Strömung aus der Eros noch weit gründlicher als durch die Auflösung in der proletarischen Welt in Frage gestellt? Lauert nicht hinter dem Anblick des Menschen das ganze verworrene Dunkel einer unheimlichen Triebwelt, die ihn gegen seine Selbstbestimmung bestimmt und damit zerreißt? Aber wieder wendet sich, wenn wir in die letzte Tiefe unseres Daseins, in unsere Verantwortung, unsere Entscheidung hinabgreifen, — der auflösende Strom im Wirbel unserer ringenden Existenz gegen sich selbst zurück. Wir begreifen die schwerste Aufgabe unserer Zeit: den Menschen zu lieben nicht in seiner Schönheit und Freiheit, nicht den Helden und Halbgott, dies Idealbild der ganzen europäischen Kultur, sondern diesen zerfließenden Menschen in seiner Auflösung, in seiner Unwirklichkeit, in seiner ihm selbst vielleicht unbewußten Verzweiflung — als deren düsteren Hintergrund Freud das Erlöschen des Menschengeschlechtes angedeutet hat Es mag nichts Schwereres 344