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Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 343

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Auflösung und Werden in unserer Zeit
Date
1928-10-01
Page
343 (sequence 9)
Language
German
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IRI
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Auflösung und Werdea in unserer Zeit Menschen auf sich selbst, auf sein eigenes Dasein beziehen und um es sammeln: die Begriffe der Sorge, der Angst, der Entscheidung, der Verantwortung werden neu umkreist und als die letzten Probleme unseres heutigen Lebens erkannt Gerade das aus seiner personlichen Form gleitende Leben begreift sich wieder als auf die schmale Spitze der eigensten Entscheidung gestellt: als das Zünglein an der Waage der Welten. Nie wurde der Begriff und der Sinn der persönlichen Existenz, ihrer Verantwortung und Entscheidung banger, sehnsüchtiger umkreist als heute, wo sie sich in der hereinbrechenden kollektiven Wirklichkeit aufzulösen droht Denn nur in der geschichtlichen Wirklichkeit kann ja der heutige Mensch ganz bewußt seine eigene, von dieser Wirklichkeit tausendfach bedrohte Existenz zu ergraben und wiederzugewinnen suchen, und nur in seiner Existenz findet er den Sinn und die Wahrheit der geschichtlichen Wirklichkeit In dem geheimnisvollen Wirbel des sich selbst suchenden und verstehenden Daseins wenden alle jenen dunklen unterirdischen Strömungen aus dem Reich der Mütter gegen sich selbst zurück, indem sie sich entschleiern als das, was sie ihrer letzten Möglichkeit nach für uns und durch uns sein können. Aus bloßen dunklen Mächten werden sie in der sich selbst verantwortenden Existenz zu menschlichen Aufgaben. Und so: als Möglichkeiten für uns, als von uns zu ergreifende Aufgaben enthüllen sie zugleich das Gesetz, das sich in ihnen verbirgt Es ist in ihnen allen, in verschiedener Gestalt, das Zurückdrängen zur Totalität des Menschlichen. — Die nackte, naturhafte, geistig und seelisch unbetroffene, formlose Wirklichkeit des proletarischen Daseins schenkt uns in diesem Sinne die Möglichkeit einer neuen Unmittelbarkeit, fast möchte ich sagen: einer neuen Unschuld des Lebens. Denn hier müssen wir alles Erstarrte, Festgewordene, bereits geistig Gedeutete und Geordnete, das uns als Rest einer zerfallenden Welt von der Unmittelbarkeit des Daseins abschnürte, vergessen lernen; hier ist es nicht mehr wahr. In der proletarischen Welt ist nichts bereits Begriffenes; hier soll alles erst werden. In ihr ist nichts als Mensch und Mensch in gemeinsamer Arbeit Die Menschen stehen in ihr nicht übereinander, nicht einander gegenüber; sie stehen nebeneinander. So müssen wir aus ihr ein neues Raumgefühl gewinnen; wir alle fühlen, wie sehr es schon in unsere Welt einzudringen und unser Weltbild zu verändern beginnt. Hier versagen alle Abstraktionen. Nicht das Subjekt steht dem Objekt kalt und unverbunden gegenüber — sondern allein die lebendige unmittelbare Partizipation aller an allen: die ungeschiedene raumliche Kon- 343

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