Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Auflösung und Werden in unserer Zeit
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 342 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Margaret« Susman Zeit ausdrückt Tragik, diese reinste Gestalt einer nach Ideen, nach Gesetzen geordneten Welt, die aus dem Zusammenprall des Gesetzes des Einzelnen mit dem des Ganzen entspringt, ist in unserer Zeit nicht mehr möglich. Eher hat sie noch Raum für das Wunder, das unbegriffen, unbegreifbar, fremd dem Gesetz aus fremden Welten herein dringt. Und in dem Hereinbrechen des Fremden, Unbegreiflichen in unser Leben verliert der Mensch selbst seine Gestalt Sein fester Umriß löst sich auf; er verliert seine Identität; er ist ebensosehr ein anderer geworden wie er selbst Er ruht nicht mehr in der Person. Das Individuum — seit dem Austritt aus dem Mittelalter Sinn und Wert aller Weltgeschichte — löst sich auf; es rinnt in die allgemeine Wirklichkeit zurück. Aber diese allgemeine Wirklichkeit, die das Individuum in sich , zurückschlingt, hat für uns noch keine feste Gestalt, keinen zusammenfassenden Sinn. Noch ist sie vieldeutig und fremd. Noch ist sie eine einzige Frage. Nichts als die einzige ungeheure Frage, unter die alle einzelne Existenz in diesem Augenblick gestellt ist Denn nichts, was der einzelne Mensch, das Individuum und sei es das größte, dachte, glaubte, gestaltete, scheint in diesem Augenblick mehr zu stimmen; alles ist unwahr, vorläufig, hohl und dunkel geworden. Unsere alte Welt reißt wie ein Vorhang auseinander und gibt den Blick in neue fremde Ordnungen des Lebens frei Und wir erkennen, daß wir auf diesen Vorhang unser Bild von Mensch, Welt und Gott nur aufgemalt halten, damit es uns das Unerträgliche verhülle: das Unerträgliche, das eben; darin liegt, daß wir uns selbst nicht mehr zu finden vermögen. Wer sind wir? Wo sind wir? Was ist es, das diese Zeit von uns fordert? und wie vermögen wir in ihr uns selbst zu ergreifen? .An diesen Grundfragen unseres Lebens dämmert es auf, um was es in dieser dreifachen Revolution des Proletariats, des unterbewußten Lebens und der Frau letzthin für uns geht: um den Bestand nicht nur unseres gesellschaftlichen und geistigen, sondern unseres allerpersönlichsten Lebens, um eine letzte Tiefe der Auseinandersetzung mit jeder dieser Strömungen in bezug auf uns selbst: um die Problematik der rein menschlichen Existenz und ihrer Verantwortung in der Geschichte. Aus der Tiefe der Leere und Verzweiflung, der namenlosen Bedrohung unserer Welt, in der der Mensch sich selbst und sein eigenes Bild nicht wiederfindet, entbrennt heute überall ein letztes Ringen gerade um den verlorenen Mittelpunkt des Daseins selbst Alle jene existentialen Kategorien, die den. 342