Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Auflösung und Werden in unserer Zeit
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 341 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Auflösung und Werden in unserer Zeit Gründen empörte: gegen das geschlossene Leben einer abgesonderten Klasse in Gestalt der in das geschichtliche Leben heraufdrängenden bisher verborgenen Hauptmasse der Menschen — gegen die Diktatur des reinen Geistes, die Verbannung der Nacht und des Todes aus dem Leben in Gestalt der jäh enthüllten unterirdischen Nachtwelt der Triebe — gegen die Herrschaft der rein männlichen abstrakten Ordnungen in Gestalt des dunklen, wirklichkeiterfüllten und aller Geistigkeit als ihr tragender Lebensgrund unterbauten Lebensreiches der Frau. Indem aber dieser dreifache Einbruch eines bisher verhehlten unbekannten Dunkels in die klar geordnete Welt der Gesetze, der Ideen und Werte mit beängstigender Gleichzeitigkeit und ohne einen klaren Aspekt von Grund und Folge sich vollzog, war der Anblick unseres Lebens das Chaos. Denn wohl ist keine dieser drei Wirklichkeiten das an sich Gesetzlose. In jeder kündigt ein verborgenes Gesetz sich an; aber in ihrer wirren Vermischung verzerrten sie einander und das. Leben, das sie bedrängten, bis zur Unkenntlichkeit Alles Bekannte war zunächst von Grund auf in Frage gestellt Das Bild der Welt, des Menschen, der Wirklichkeit, mit dem wir nun plötzlich Auge in Auge stehen, ist uns unbekannt und erschreckend- Welten sind in ihm aufgerissen, in die wir hülflos wie in Abgründe starren. Unsere Ideen sind ins Wanken geraten; der Gegenstand tritt aus seiner Ordnung. Die Gesetze und Maßstäbe sind zerbrochen, die Grenzen des bisherigen Denkens sind gesprengt Der Wahnsinn ist uns vertrauter geworden. Die klare Ordnung des Tages versinkt. Das Reich der Mütter rückt dunkel und unbegriffen herauf. Keine Metaphysik, kein Ideenbau, keine klare Lebensordnung vermag dies mehr aufzunehmen und zu gestalten. Wie im Beginn der Renaissance der Mensch heraustrat aus der Enge der bisher bekannten klar gegliederten Wirklichkeit, als der, der neue Länder zu entdecken geht, so stehen auch wir wieder vor einem neuen entscheidenden Lebensabschnitt der Menschheit Und wie damals, als die Welt aus den bekannten Ordnungen des Glaubens herausbrach, allem Geisterschrecken, allem Spuk- und Zauberwesen: lauter Bildern einer noch verwirrten Phantasie, einer noch nicht wieder geordneten Welt, in denen fremde unbegriffene Mächte sich mit den zerstiebenden Bildern des Glaubens verschlangen— Tür und Tor geöffnet war; wie die Menschen damals in ihrem größten Dichter der Wahrheit inne wurden, daß es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt — so ist es auch heute das Irrationale, das Seltsame, Fremde, Groteske, Verzerrte, Unheimliche und dem Wahnsinn Nahe, das das Lebensgefühl unserer 341