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Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 340

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Auflösung und Werden in unserer Zeit
Date
1928-10-01
Page
340 (sequence 6)
Language
German
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Margarete Susman Grundlagen der bürgerlichen Welt vor ihren eigenen Augen verhüllte. Die gesamte große Dichter- und Denkergeneration von der Mitte des vergangenen Jahrhunderts an hat sich in diesem Ringen verblutet Nie haben Menschen einsamer, hoffnungsloser gelitten. Sie alle erkannten, daß das Leben nicht mehr stimmte, daß seine Grundlagen falsch waren. Aber sie alle erfaßten als einzige Rettung die Notwendigkeit des freien persönlichen Opfers für die Wahrheit, die sie suchten. In ihnen allen lebte noch der Traum, das Ideal eines persönlichen Heroismus. Sie alle waren noch tragisch-heroische Menschen: ein Typus, der in unserer Zeit seinen Lebensraum verloren hat. Sie sahen noch die Revolution, wie sie in der vorleninistischen Epoche Kerenski gesehen hat, als er sagte: „Revolution — das heißt die Sünden der Vergangenheit büßen und sich für die Zukunft opfern." Sie sahen die Revolution nicht, wie wir sie heute erleben: als gleichsam selbständige, selbstverständliche Auflösung der bisherigen Ordnung, in der das freie persönliche Opfer seinen Sinn verloren hat Erst mit einer Auflösung, in der der Einzelne nicht mehr zählt, ist das idealistisch heroische Menschenideal entthront Sein Einsatz ist sinnlos geworden, weil die über das Individuum hinweggehenden geschichtlichen Mächte selbst sich der Entwicklung bemächtigt haben. Dies ist unsere heutige Lage. — Niemand von uns — auch nicht, wer sie bejahte und ihnen diente, kannte zuvor in Wahrheit diese Mächte, mit denen wir heute Auge in Auge stehen. Eine im Ideal und in der Ehrfurcht vor dem Geist erzogene Generation vermag sich auch heute trotz aller Einsicht in die Notwendigkeiten der Geschichte, trotz alles sich Bekennens zur Totalität der Menschheit, im Grunde unter dem proletarischen Leben, das wir als Macht heraufkommen sehen, nicht etwas Wirkliches vorzustellen. Formlos und drohend dringt es un3 entgegen. Und ebensowenig vermögen wir, trotz aller Einsicht in die Notwendigkeit der Sprengung des reinen Geistes, des bloßen Bewußtseins, uns die ganze Macht der ungeheuren, aus dem Dunkel des unterbewußten Lebens heraufflutenden Wirklichkeit zu vergegenwärtigen, die Freuds Entdeckungen entfesselt haben. — Niemals vermochten wir ganz die Rache des geschichtlichen Lebens zu durchschauen, die sich hier von allen Seiten zugleich vollzog: dieses gewaltige Zurückströmen des von seinen Gründen abgeschnürten Lebens in seine Totalitat Heute erkennen wir, daß es Yor allem drei große Hauptströmungen sind, in denen das geschichtliche Leben sich gegen diese Abschnürung von seinen 340

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