Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Auflösung und Werden in unserer Zeit
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 339 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Auflösung und Werden in unserer Zeit was unbegreiflich und dem Verstände nicht erfaßbar ist Nichts Unbegreifliches, weder von oben noch von unten, ragt mehr in den großen Taumel des losgerissenen Lebens dieser Welt hinein. Die gewaltige Entwicklung der Technik, die das Leben über seine realen Bedingungen hinwegtäuscht, ist nur der letzte Ausläufer dieser Entwicklung, die alle Beziehungen auf Nacht und Tod, auf Unbewußtes und Überbewußtes und damit auf die wirkliche Verfassung der menschlichen Existenz überflogen hat Aber zugleich ist diese ungeheure Entwicklung der Technik doch auch ein letzter Sproß an dem Wunderbaum des Geistes, den der wache Lebenstaumel der bürgerlichen Welt aus sich hervorgetrieben hat Jene Herrschaft des reinen abgelösten Geistes, die ein Korrelat der Wachheit und Todesfremdheit der bürgerlichen Welt ist, offenbart die ganze unberechenbare Herrlichkeit des geschichtlichen Lebens, das nicht nur auf fruchtbarem Erdreich sondern auch auf flachem Wüstensand eine Vegetation von reinster Schönheit und Größe hervorzubringen vermag. Dieselbe Welt, die^ wir heute so klar als die dürre eiserne Selbstbehauptung und Selbstrechtfertigung einer Klasse durchschauen, von der wir wissen, daß sie wie in einer Art zweiten Sündenfalls aus der Gotterfülltheit der kollektiven religiösen Wirklichkeit ausgebrochen war, ist doch auch zugleich eine einzige ungeheure Anstrengung des Geistes gewesen, den „Lichtfaden, mit dem einst die irdischen Ordnungen an den Himmel geknüpft waren", nicht abreißen zu lassen. Die ganze große deutsche Metaphysik und Dichtung vor allem ist ein einziger gigantischer Versuch gewesen, auf dem Boden einer kollektiv irreligiösen Wirklichkeit, inmitten des Zerfalls der positiven Religion das Religiöse im Geist und in der einsamen Seele festzuhalten, das im Himmel und in der Erde entwurzelte Leben in ewigen Ideen und Maßstäben des Geistes zu verankern; in grandiosen Symbolen das zu bewahren, was in der Wirklichkeit verloren war. So hat sie einen ganzen geistig-seelischen Kosmos hervorgezaubert, in den wir aus der geistigen Ordnungs- und Richtungslosigkeit des Heute trotz alles Wissens um ihre aufgelockerten Grundlagen mit stummem Heimweh zurückblicken. Gerade weil die bürgerliche Welt diese unerhörte Blüte des Geistes und der Seele aus sich hervortrieb — weil sie in der Innerlichkeit selbst eine Welt schuf, war es für sie so schwer, sich selbst und ihre eigenen Voraussetzungen zu durchschauen. Generationen von Denkern und Dichtern haben denn auch an dem Zerreißen des dichten Schleiers gearbeitet, der die 339