Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 338

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Auflösung und Werden in unserer Zeit
Date
1928-10-01
Page
338 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895475-2895480-2899111--02986-2899168
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Margarete Susman der Vergänglichkeit seines Daseins: das Gericht der Ewigkeit über seine Zeitlichkeit vergessen. Er hat gelernt, sich auf der Erde häuslich einzurichten, das Leben zu berechnen, zu beherrschen und damit sich seiner zu bemächtigen. In diese unbedingte Behauptung des Lebens passen die Fügungen Gottes nicht mehr hinein. Der Bürger verläßt sich für alles sein Leben Betreffende auf sich selbst, auf seinen Verstand und dessen Berechnungen, durch die er sich die Natur unterworfen hat Natürlich fügt die Natur sich ihm nicht völlig. Ein Rest bleibt Dieser Rest ist der Tod. Damit ist der Tod zu einer bloßen Natursache geworden, die das Menschliche nicht eigentlich mehr angeht Denn als Naturtatsache ist der Tod der des personlosen, existenzlosen Tieres, nicht der des Menschen: ist er Verenden, nicht Sterben. Man spricht darum nicht gern von ihm; man möchte ihn aus dem Leben eliminieren. „Denn er läßt uns vergessen zu leben." Und. das Leben ist ja der Wert an sich. Die Sterbestunde ist aus der Entscheidung über Verwerfung oder Erlösung zu einem bloßen blinden, gleichsam täppischen Zufall geworden. Man trauert wohl um den Verstorbenen, ja diese Trauer ist weit größer als in der religiös gebundenen Welt; denn man beklagt ja zugleich den Toten, an dem allein köstlichen Gut: dem Leben nicht mehr teilzuhaben. Aber für den Sterbenden selbst hat der Tod jeden Sinn, jede letzte Bedeutung des Anrufs und des Gerichts verloren. Er ist auch vom Geist aus gesehen ein-» fach das Ende. Montesquieu bezeichnet den Tod als die Unterbrechung einer Kette von Gedanken. Aber auch der deutsche Idealismus weist — wenn auch, von der umgekehrten Seite — die religiöse Bedeutsamkeit des Todes ab. Hegel faßt in der Phänomenologie des Geistes den Tod als bloße Naturtatsache, die als solche nur durch das Begräbnis, das die Familie dem Einzelnen schenkt, überwunden und in ein übergreifendes Ganze: die staatliche Gemeinschaft aufgenommen wird. Am radikalsten aber spricht Fichte dem Tode Sinn und Bedeutung für das Leben ab, indem er, das Christentum mit dem reinen Idealismus identifizierend, sagt: „Der Tod macht im Christentum gar nicht Epoche." Das Leben, das Diesseits, hatte auf der ganzen Linie — innerhalb des Geistigen sowohl wie des bloßen kruden Lebens — gesiegt Das Jenseits einer Ewigkeit, in der der Tod als Mysterium wurzelte, war erloschen. Das Menschendasein hatte seine Wurzel aas seiner Urheimat: dem Tode losgerissen; die Zeit hatte sich aus der Ewigkeit gelöst Das Leben hatte in seiner überwachen Rastlosigkeit sich der Nacht die es nährt und aus der es ist, begeben. Der Nacht im doppelten Sinne der Unterwelt und der Überwelt: alles dessen, 338

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.