Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Auflösung und Werden in unserer Zeit
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 337 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Auflösung und Werden in unserer Zeit Krieg seinen gleichgültigen Riesenrachen aufgerissen hat, ist es, als hätte der Tod seinen entscheidenden Sinn für die Einzelexistenz noch gewaltsamer eingebüßt — als müßte er darum nun erst recht überschrieen werden vom Leben. Aber es liegt darin nur die äußerste Aufgipfelung einer langen geschichtlichen Entwicklung, die schon seit Jahrzehnten auf den Verlust des Todes in unserer Welt drängte. „Es kann keinen treueren Interpreten und keinen wahreren Spiegel des menschlichen Lebens geben als den Tod", sagte noch Bossuet „Es kann keine verkehrtere Regel geben, um das menschliche Leben zu beurteilen, als den Tod. Der Gedanke des Todes täuscht uns, denn er läßt uns vergessen zu leben", sagt Vauvenargues. Wie ist dieser gewaltige Widerspruch in der Anschauung vom Tode möglich? Was ist in den anderthalb Jahrhunderten,, die zwischen diesen beiden, einander diametral entgegengesetzten Aussprüchen zweier Denker desselben Landes liegen, geschehen? — Es liegt zwischen ihnen die Entstehung der bürgerlichen Welt: das endgültige Heraustreten der Menschen aus der kollektiven religiösen Wirklichkeit der mittelalterlichen, Welt Dem gläubigen Christen war das größte, gewissermaßen das einzige Ereignis seines Lebens seine Sterbestunde: die Stunde, die sein irdisches Dasein auflöste und ihn unmittelbar vor Gott und Gottes Gericht stellte. In ihr faßte sein ganzes Leben sich zusammen, in ihr wurde er verworfen oder erlöst. Die Auflösung des kurzen irdischen Lebens war für ihn eins mit der Entscheidung über sein wirkliches, sein ewiges Schicksal. Der Tod war für ihn Mysterium, das große Mysterium, in dem seine vergängliche Einzelexistenz ihren Sinn erhielt1) Aber wenn auch der Tod hier in seinem Mysteriencharakter am reinsten sichtbar, am vollendetsten herausgearbeitet ist — er bedeutet nicht nur für die christliche, sondern auch für die jüdische, für jede religiös geordnete Welt das entscheidende Mysterium. Denn alle religiöse Lebenserfassung dreht sich um den geheimnisvollen schwindelnden Punkt des Daseins, wie ihn der Tod als den Wirbel des Ich aus dem bloßen verrinnenden Lebenskontinuum heraushebt In weniger als anderthalb Jahrhunderten der Erstarkung der bürgerlichen Welt hat sich der Glaube an den Tod als Mysterium völlig aufgelöst Dec Mensch fragt nicht mehr nach dem Tod, sondern nach dem Leben. Damit fragt er im Grunde nicht mehr nach semem eigenen Leben. Er hat den Sinn 1) Bernhard Groethuysen hat in dem ersten Band seines Werkes „Die Entstehung der bürgerlichen Welt- und Lebensanschauung in Frankreich" das Todeserlebnis des christlichmittelalterlichen im Gegensatz zu dem des modernen Menschen mit bezwingender Kraft dargestellt. 337