Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Auflösung und Werden in unserer Zeit
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 336 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman täuschung von Zeit und Raum? Diese Welt der unerhörten Konstruktionen und übermäßigen Bauten, in der, wie in Amerika, die Schlösser und Gärten auf 3ostöckige Wolkenkratzer klettern, in der bei uns die Seele vom Geist durchforscht und durchfurcht wird wie einst nur die Erde vom Pflug — in der der Mensch, zur Maschine und zum Triebwesen erniedrigt, sich zugleich als selbstverständlich anmaßt, was einst nur dem Gott zukam? Was ist diese widerspruchsvolle Welt mit allem Zerfall ihrer Formen und all ihrem unsteten Tasten nach einem Neuen? Was ist sie in ihrem Kern? Das äußere Leben, wie es in rasendem Tempo sich abrollt und aufgipfelt zur Arbeit sowohl wie zum Genuß, zu den Leistungen seines Turmbaus und zu ihrem Verbrauch, stellt keine Frage. Nie war eine Zeit so unproblematisch wie die unsere. Diese Zeit hat keine Zeit zu ihren Problemen. Vom Untergang des Abendlandes, von der Auflösung der europäischen Kultur hatten wir seit langem gehört. Aber niemand von uns vermochte sich vorzustellen, wie ein solcher Untergang, eine solche Auflösung in Wirklichkeit aussehen würde. Krieg, Revolution und Inflation mit all ihren Schrecken, mit der Zerstörung aller festen Lebensgrundlagen, mit der Veränderung aller Gefühlswerte waren doch im Grunde nur ein Vorspiel dieser radikalen Auflösung. Die wirkliche Auflösung zeigt sich erst in der unglaublichen Mühelosigkeit und Leichtigkeit, in der lachenden und brutalen Selbstverständlichkeit, mit der in unserem heutigen Leben alle noch gestern geheiligten Formen, Werte und Ideen, alle Bindungen und Probleme wie papierene Ketten abgeschüttelt werden. Nicht aus diesem leer und gleichgültig in sich abrollenden Leben stammt die Frage nach Sein oder Nichtsein. Sie stammt von anderswoher: aus dem gänzlich verschütteten und verdeckten Mittelpunkt unseres Lebens: der für ihre Zeit verantwortlichen Seele. Sie stammt aus der Seele der ganz Wenigen, die nicht nur leben, sondern auch lebendig sind, die sich vom Leben nicht nur tragen lassen, sondern sich ihm ajch gegenüberstellen, ihm ins Antlitz sehen. Und von dieser Haltung, diesem Blick aus wird klar, daß im Antlitz unserer Zeit ein Zug fehlt: der verhängnisvolle und entscheidende Zug alles menschlichen Daseins, daß dies ganze Übermaß von sich selbst bejahendem, sich restlos ausrasendem, allein auf sich selbst gestelltem Leben uns über unsere letze Wahrheit hinwegtäuschen will: den Tod. Unsere Zeit kennt den Tod nicht mehr, will ihn nicht mehr kennen. Sie weiß, daß man stirbt; sie weiß nicht mehr um Sinn und Bedeutung des ganz persönlichen Todes. Sie weiß nur noch um das Leben. Und gerade seit der 336