Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Auflösung und Werden in unserer Zeit
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 335 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Auflösung und Werden in unserer Zeit Von Margarete Susman Unsere Zeit ist keine Zeit des Nachdenkens, sondern eine Zeit des unbedenklichen Tuns,, rastlos vorwärts stürzender Geschehnisse und Entwicklungen. In den letzten 10 Jahren, den Jahren seit dem Kriegsende, hat sich der Typus Mensch so durchdringend und in einem so rasenden Tempo verändert, wie sonst kaum im Laufe eines Jahrhunderts. Nicht nur sein Denken und Erkennen: der Mensch selbst ist ein anderer geworden. Darum hat er keine Zeit zum Rück;- wärtsblicken, kaum zum Umsichblicken, keine Ruhe zum Betrachten. Nie gab es eine weniger kontemplative Zeit als die unsere. Und doch ist unsere Zeit eine einzige Zeit der Frage. Nicht abstrakte geistige Probleme werden in ihr gestellt, wie in früheren Jahren, als der Geist sich selbst zu erkennen strebte, als die in sich ruhenden ewigen Ideen Zeichen ihrer selbst und des Falschen waren. Unsere Zeit kennt nicht die zeitlose Idee, nicht den Geist in sich selbst — sie kennt nur die einzige bange Frage des menschlichen Lebens nach Seih oder Nichtsein. Wie immer heute gefragt, wonach immer geforscht wird, immer und überall geht es um diese Frage: die Frage nach dem Sein des ganzen Menschen. Wer sind wir? Was ist unser Leben? Wo stehen wir? An welchen Ort in der Zeit hat uns die Geschichte gestellt? Ist es ein Abgrund oder ein Aufstieg, dem wir entgegensteuern? Haben wir das Leben zu gewärtigen oder den Tod? Und diese Frage ist eins mit der anderen: Was ist diese Welt um uns her, diese wahnsinnige losgelassene Welt mit all ihren äußeren und inneren Erscheinungen? Diese Welt der Vorherrschaft des ökonomischen, der Industrie, der Maschine, der Autos und Flugzeuge, dieses ganzen ungeheuren Lärms und Gerases, dieser phantastischen Beherrschung, ja Überwindung und Hinweg- 335