Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Galuth
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 327 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Galatfc im Judentum der Haggada zu1), aber ihr eignet nicht Autorität und Recht der Bestimmung, sie gibt die Äußerungen der Männer wieder, denen das Volk in freier Zustimmung und selbstgewolltem Gehorsam Einfluß zuerkannte; sie ist darum nie einheitlich, sondern vielfach sich widersprechende Äußerungen wechseln in ihr ab, und in ihrem Neben- und Gegeneinander ist sie Spiegel der öffentlichen Meinung. Da es eine Zeit gegeben hat, in der Judentum und Judenheit national erfaßt wurden und als wesentlich an einen jüdischen Staat und an sein Land gebunden betrachtet wurden, kann es uns nicht Wunder nehmen, wenn eine Fülle der Stimmen zu dem Chor zusammenklingt, der über ein Leben außerhalb von Erez Israel tiefen Trauergesang anstimmt Aus der Bibel kennen wir kaum ein anderes. In der Thora ist das Fortmüssen aus dem Lande der böseste und schlimmste Fluch, die schwerste Strafandrohung. In den Propheten kündet jedes Blatt von der einstigen Selbstverständlichkeit dieses Urteils, und dementsprechend finden wir in der Haggada viele Äußerungen des gleichen Inhalts. Einige seien wiedergegeben: „Galuth ist das Schwerste, ist so schwer, wie alle Flüche der Strafandrohung zusammen". (Sifre zum Abschnitt Ekew.) Zu dem biblischen Wort „Euch werde ich unter die Völker streuen" (3 B. M. 26, 33): „Das ist das harte Los Israels, wenn sonst Kinder einer Landschaft auswandern müssen, bleiben sie wenigstens an einem Ort beieinander. Sie sehen einander und können einander trösten, aber von Israel heißt es: ,euch streue ich unter die Völker', sodaß keiner bei dem andern bleibt; wie wenn jemand Gerste mit der Windschaufel wirft, kein Korn rührt mehr an das andere" (Jalkut zu Bechukkossaj Nr. 675.) Zu dem Verse der Klagelieder: „Juda muß in die Verbannung" (Klaget I 3): „Mußten denn nicht andere Völker der Welt auch ihr Land verlassen und in die Verbannung ziehen? Wohl, doch ihre Galuth. ist keine wirkliche Galuth, aber Israel, das nicht mehr sein eigenes Brot ißt und seinen eigenen Wein trinkt, seine Galuth. ist eine wirkliche Galuth." (Echa Rabbati I 28.) „Von dem Tage an, da wir aus unserem Lande fort mußten, ist aller guter Rat von uns genommen. (Taanith 12b.) „Rabbi Simon ben Eleasar (andere Version Rabbi Ismael) sagte: „Die Israeliten außerhalb von Erez Israel treiben gleichsam unbewußt Götzendienst." (Aboda zara 8a.) Gebet des Hohenpriesters am Versöhnungstage: „Möge es Dein Wille sein, daß über uns kein Auswandern komme, und muß es komx) Unler Haggada versteht man — im Gegensatz zu Halacha, der logisch begründeten gesetzlichen Ausdeutung der Bibel — die aus der Kraft des Gefühls und der Phantasie geschöpfte predigthafte Ausdeutung der Bibel zu dem Zweck der Vertiefung und Versittlichung der Seelenhaltung. 327