Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Galuth
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 326 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Max Dienemana das Wort: ..Alles Jüdische außer Palästina hat bestenfalls Vergangenheit, aber weder Gegenwart noch Zukunft". — „Wir verneinen die Galuth in dem Sinne, daß wir wissen, daß alles, was hier geschieht, Sinn und Bedeutung nur im Zusammenhang mit unserem Werk in Palästina gewinnt" Es wird darum notwendig sein, die Galuthfrage einmal in diesen Blättern zu erörtern, ohne Polemik, nur aus dem Willen heraus, einen Weg zur eigenen Erkenntnis zu suchen. Es wird nicht überflüssig sein, aus dem alten jüdischen Schrifttum Äußerungen zusammen zu stellen, die in ihm über Galuth und Galuthleben enthalten sind. Selbstredend muß man sich dabei dessen bewußt halten, daß eine historische oder historisierende Darstellung niemals das Problem lösen kann. Die Lösung einer solchen Frage ist ein Akt der Willensbildung. Ein Wille formt sich aus bestimmten Einflüssen und seelischen Vorgängen, er ist immer ein Neues, eine Neuschöpfung; wir haben im Bereich der jüdischen Seelenhaltung schon manche solche mit der Vergangenheit bewußt einen Bruch vollziehende Neuschöpfung erlebt. Man denke z. B. an die Stellung, die einstens in der jüdischen Frömmigkeit das Opfer einnahm. Hier hat man auch ganz bewußt eine einmal in der Vergangenheit laufende Linie abgebrochen, so energisch, daß heute keiner in unserer Mitte je den alten Opfergottesdienst erneuern wollte, selbst wenn er es könnte und selbst wenn er aus irgendwelchem Beweggrunde im Gebet davon noch spricht Von solcher selbstgewählten und bewußten Willensbildung ist die Stellungnahme zur Galuth abhängig; das Zurückgehen auf Äußerungen aus alter Zeit hat also keinen entscheidenden Wert und begründet nicht zwingend die Stellungnahme der Heutigen, auch wenn man sich noch so sehr mit den vergangenen Geschlechtern verbunden fühlt und ihr Leben als einen Teil des eigenen Lebens empfindet und bejaht; aber bei der bekannten Konstanz des jüdischen Charakters und Empfindens sind sie doch nicht gleichgiltig, und die Tatsache kann nicht beiseite geschoben werden, daß das, was man in Zeiten prägte, in denen man dem alten nationalen und staatlichen Sein in Erez Israel zeitlich und räumlich näher stand, als wir Heutigen, zum mindesten in hohem Maße beachtlich und aufschlußreich ist Man weiß, daß es eine eindeutige und autoritative Stellungnahme zu irgendeiner Frage des jüdischen Lebens in nachbiblischer Zeit nicht gibt Die Rolle, die anderwärts eine mit Autorität bekleidete Behörde spielt, fällt 326