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Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 323

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Die Erweckung
Date
1928-10-01
Page
323 (sequence 7)
Language
German
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Die Erweckung keine äußere Tatsache erklärt werden und die feinsten Details bleiben doch nur äußere Tatsachen. Die große indische Bewegung von heute, die auf Mahatma Ghandis ,, Nicht mittun, aber keine Gewalt anwenden" gegründet ist. ein Sechstel der Menschheit erfaßt hat und den Getreuen härteste Opfer, ja einen Heroismus des Leidens auferlegt, hat nicht durch jenes Wort die Menschen ergriffen, ja nicht einmal Ghandi selbst Denn das Wort stammt nicht von ihm, sondern ist ein altes Erbstück seines Lehrers gewesen. Aber während seines südafrikanischen Aufenthaltes brach es, trotzdem es längst seinem Bewußtsein geläufig war, in ihn ein und verwandelte das Angesicht Indiens. Es ist richtig, wenn man sagt, alle Menschheitsideen seien schon dagewesen; damit ist aber nichts über die wahren Ereignisse von Ideen gesagt, das heißt über die Geschichte ihrer Erweckungen. Die tragenden Ideen der französischen Revolution, Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit, waren schon Tausende von Jahren zuvor gedacht worden. Ideen sind kalt und leblos, sind Wissenszeichen. Nicht das Programm, das in ihnen liegt, erklärt uns die revolutionären Ereignisse in Frankreich, sondern daß damals die Menschen ihre ganze Menschlichkeit in jenen Worten widerhallen hörten, daß man damals zum Sinn der Worte erweckt war, gab ihnen lebendige Bedeutung. Wenn wir jemandem ausführlich darlegen, welchen Sinn der Jomkippur hat, und wenn wir ihn alle Einzelheiten über den Ablauf des Tages wissen lassen, so kann dieses Bewußtseinsmaterial allein den dunklen Menschen in ihm nicht erreichen. Und doch würde manchmal nur ein Blick in eine wirkliche Gemeinde am Jomkippur genügen, um ihn das Judentum „schauen" zu lassen. Ich weise nur auf typische Beispiele von Nichtjuden hin, wie das Rudolf Ottos, der auf solche Weise das Wesen des „Heiligen" entdeckte, oder das Aime Pallieres. der mit einem Male erkannte, welches sein Weg zum Judentum ist Wie es Meister des Wissens und der Mitteilung gibt, so auch Meister der Erweckung. Die Kraft des erweckten Ghandi reichte aus, um Millionen von Menschen mitzuerwecken. Und es gibt keine andere Wirkung von Mensch auf Mensch als die Wirklichkeit eines Erweckten. Darin besteht ja das Wesen der Kunst, daß sie unser helles Menschsein so persönlich und durch das Spiel der Erinnerung so intim zu berühren sucht, bis irgendwo der Einbruch in den dunklen Menschen spürbar wird und wir erweckt sind. Darum spricht aber so schwer neue Kunst die Menschen „an", weil nur langsam die ungewohnte 323

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