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Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 324

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Die Erweckung
Date
1928-10-01
Page
324 (sequence 8)
Language
German
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Friedrich Thieberger: Die Erweckung Atisdrucksweise — das Wort ist mehr als im sprachlichen Sinne gebraucht — im hellen Menschen haften bleibt. Und darum veralten Kunstwerke, weil ihre Ausdrucksweise sich selbst für den hellen Menschen abgestumpft hat. Es wird sich, glaube ich, immer unserer Ermittlung entziehen, unter welchen Bedingungen ein Ideenkomplex uns zu erwecken vermag. Gerade dieses Nicht-Wissen und Nichtbefehlen-Können fordert von allen, die auf Menschen wirken wollen, in das Bewußtsein dieser Menschen Scheit auf Scheil zu legen, bis — vielleicht — da oder dort doch der Funke sich entzündet, der dann schnell den Menschen in Flammen setzt. Denn durch die Erweckung allein führt der Weg vom rationalen Bewußtsein in den Bezirk der unfaßbaren und doch einzig schöpferischen Liebesquellen. Und so wächst der Mensch: die Funde des erweckten Menschen werden wieder Besitz des hellen. Nie ergriffene, also nie erweckte Menschen gibt es nicht Aber es gibt in ihrer Erweckung stumpf gewordene. Und doch ist der einzelne Mensch gleichzeitig nicht nur einer Erweckung fähig, ja, jeder ist um so reicher, je größere Stücke des hellen und dunklen Menschen in ihm erweckt sind. Die Milte aller Erweckungen, gleichsam die menschliche TJrerweckung ist die Religion. Sie ist der Anruf der Welt durch den hellen Menschen hindurch an den dunklen und gleichzeitig die Antwort des ganzen Menschen auf diesen mächtigsten Anruf. Darum ist auch der religiös erweckte Mensch der innerlich reichste. Es ist heute die kritische Frage der jüdischen Zukunft, ob die rationale, also dem hellen Menschen zugewendete Seite der religiösen Ideen erweckende Möglichkeiten in sich trägt Die aufklärerische Reform im Judentum, die der Synagoge, der Lebensführung und Erziehung, hatte ja nur diesen einen (oft verkannten) Sinn: das Judentum erlebnisfähig, d.h. erweckungsfähig zu machen. Und keine der heutigen Bewegungen hat einen anderen Sinn. Es ist nämlich offenkundig, daß der Mensch von verschiedenen Seiten her erweckt und durch jede Erweckung menschlich gesteigert werden kann. Es wäre kurzsichtig zu meinen, daß ein jüdischer Mensch nicht auch durch andere als spezifisch jüdische Ideen und Gefühle zu hohem Menschentum sich entfalten könnte. Aber sollte dann nicht ein wesentlicher Teil seines Menschseins brach liegen? Die ererbte Geschichte der jüdischen Urerweckung läßt sich nicht aus dem hellen und dem dunklen Menschen auslöschen. Und wenn wir auch keine Art menschlicher Erweckung in uns wollen verkümmern lassen, so wird doch erst der Jude, der auch sein Judentum in sich erweckt hat, als Mensch reicher sein und wenn ich so sagen darf: „ganzer". 324

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