Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Die Erweckung
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 322 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895480-2899109--02968-2899152- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Friedrich Thieberger Erst der erweckte Mensch ist der erhöhte Mensch. Denn er ist nicht bloß ein Schauplatz von Bewußtseinsvorgängen und ein Registrator von Tatbeständen in der Welt, er ist auch nicht bloß das Objekt eines geheimnisvollen Mechanismus, sondern einigender Mitverbündeter des Tatsächlichen und des Triebhaften. Der erweckte Mensch stört nicht die Autonomie des hellen oder dunklen Menschen, er bereichert sie vielmehr durch die Kraft der Freude. Denn jede Erweiterung in den Möglichkeiten des Triebes oder Bewußtseins wird von gesteigertem Freudegefühl begleitet Das klassische Beispiel für die Erweckung ist die Liebe. Die gewöhnliche Seelenlehre verweist die Liebe in das Gebiet des Gefühles. Aber das Gefühl ist bloß der Trabant der Liebe. Warum knüpft sich nur manchmal und oft mit einem Male an einen Blick, eine Wendung, eine Linie das Liebesgefühl? Und ist es möglich, daß vom Gefühl aus dem Denken und Wollen eine alles beherrschende andere Richtung gegeben wird? Man könnte sagen, alles Tun und Sinnen werde darauf verwendet, den Gegenstand des Liebesgefühls dauernd zu erwerben, damit auch das Lustgefühl dauernd sei Allein die Umwandlung bleibt, selbst wenn die Liebe „hoffnungslos" wird, wenn etwa die ersehnte Person der Liebe stirbt Es ist eben ein Unterschied da, zwischen dem Phänomen der Umwandlung, d. i. der Liebe, und dem Gefühl, das die Liebe begleitet Daß Liebe blind macht, sagen die Menschen immer, die nicht im Stande der Liebe sind und die richtig zu sehen glauben, weil die Bilder des! Gesehenen nur ihren hellen Menschen treffen, doch den dunklen nicht erreichen. Aber die Erweckung des Menschen ist eben der Anruf des dunklen; Menschen durch den hellen. Und die Liebe ist auch das richtige Beispiel: dafür, wie persönlich der Anruf ist und wie der erweckte Mensch zusammensinkt, wenn der Anruf verstummt, und der Gegenstand, den er liebte, zu einem Tatbestand des hellen Menschen wird. Vielleicht werden auch Beispiele rein intellektueller Erweckung in diese Zusammenhänge hineinleuchten. Als Herder seine berühmte Seereise unternahm, ging ihm auf einmal die Größe des Volksliedes auf. Volkslieder hatte er auch früher gekannt und es war nun nicht eine neue „Kenntnis", die ihm (und damit in der Folge ganz Europa) das innerste Wesen des Volksliedes erschloß. Es wäre vergeblich, die äußeren Umstände aufzuspüren, welche die Bedingungen für diese kulturgeschichtlich gewaltige Erweckung geschaffen haben. Sie würden aus der Wirklichkeit der Erweckung nur einen Bewu&tseinsgegenstand für den hellen Menschen machen. Die Erweckung kann durch 322