Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Die Erweckung
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 321 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Erweckung wesenhaft verschiedenen Zentren in uns beschlossen; beide „Menschen" in uns autonom, wenn auch im Zeichen einer höheren Einheit auf einander wirkend. Darum werden wir nicht bloß vermuten, daß der dunkle Mensch den hellen beeinflußt, daß sozusagen das Unten auf das Oben wirkt, sondern daß auch ein Weg von oben nach unten da sein muß, auf welchem der helle Mensch dem dunklen begegnet Hier ist die Stelle von dem dritten Menschen in uns zu sprechen: dem erweckten. Es gibt Gedanken und Gefühle im hellen Menschen, die mit einem Maie so tief auf das Instinktive des dunklen Menschen in uns einwirken, daß sie den ganzen Menschen in Aufruhr versetzen, ihn umwandeln, sein dunkles und sein helles Leben in neuer Ordnung um eine neue Achse kreisen lassen. Die Sprache hat für diesen „Zustand" Ausdrücke bereit, die das Elementare, Plötzliche, Verzauberte kennzeichnen: jemand ist von einer Idee besessen, gepackt, erschüttert, fasziniert, aufgewühlt, geblendet Die atomisierende Wissenschaft spricht hier von Gefühlen besonderer Intensität Aber daß es sich hier nicht um Quantitätsunterschiede gegenüber schwächer wirkenden Ideen und Gefühlen handelt, sondern um eine wesentlich neue Art von Wirklichkeit, die weder der dunkle noch der helle Mensch allein kennen, lehrt eine einfache Erwägung. Es gibt Ideen, die jahrelang dem hellen Menschen in uns bewußt sind. Aber eines Tages, eines Augenblickes sind sie anders in uns, ergreifen sie uns anders, sehen wir sie anders; und nicht nur sie, sondern die Welt um unsl und die Welt in uns. Wir sagen: die Augen sind uns aufgegangen und wir meinen, daß wir mehr sehen als jemand, dem jene Ideen sachliche Wissensdaten sind. Ja, ein so ergriffener Mensch ist imstande, auch die UrinstinkIe des dunklen Menschen, sogar das vegetative Leben seiner Ergriffenheit zu opfern. Nun ist es aber nicht bloß der Mensch mit seinen Tatsachen und Erwägungen und nicht bloß der dunkle, der seinem geheimnisvollen Auftrag nachwandelt, sondern es ist ein neuer Mensch in uns, der schaut, spricht und will Und das Zeichen seiner Einheit ist das Erwachtsein. Wenn die Buddhisten ihren ersten Meister mit einem dritten Auge darstellen und ihn den Erweckten nennen (der übrigens dem hellen Menschen in sich den Vorrang vor dem dunklen gegeben hat), so ist damit auf orientalische Weise eine menschliche Erneuerung symbolisiert, welche die Bibel als das „Sehen" bezeichnet hat, das über den Menschen kommt und ihm ein „neues. Herz" erschafft. 321