Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Die Erweckung
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 319 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Erweckung Den einen Menschen in uns möchte ich den heilen Menschen nennen. Seine Instrumente sind die Sinne, mit denen er die Welt absucht; sein eigentliches Feld ist das Bewußtsein, in welchem er empfindet, wägt, verknüpft Alle Tätigkeiten, welche die Psychologie beschreibt, gehören ihm zu, das Denken, Fühlen, Wollen. Wovon immer ich wreiß, das hat mich als hellen Menschen getroffen. Der helle Mensch ist nicht nur das vorzüglichste Objekt der Wissenschaft, sondern die Wissenschaft ist auch sein eigentliches Objekt Er schafft die Orientierung in der Welt und in sich, er sucht nach Gegenständlichem, Feststellbarem, Tatsächlichem. Darum weiß er auch, daß sein helles Ich auf der Oberfläche des Mensch-Körpers nur wie ein Oszillieren ist, eigenartig mit dem Körper verknüpft, der dinghaft betrachtet werden kann, also vom hellen Ich distanzierbar ist Man könnte einwenden, der helle Mensch sei nur ein anderer Ausdruck für die denkenden und fühlenden Schichten im Menschen. Allein man vergesse nicht, zu welchen Irrtümern über die Wirklichkeit des Geistigen der Vergleich mit der räumlichen Welt verleitet hat, in welchem allein die Dinge nebeneinander liegen. In jedem Augenblick des wirklichen Lebens leuchtet nicht ein Teü der menschlichen Eigenschaften da oder dort auf, sondern der ganze Mensch tritt in Erscheinung. Wer von irgend einem Gefühle bewegt ist, wird gleichzeitig wahrnehmen* urteilen, wollen; es wechselt die Mischung, aber es steht immer der ganze Mensch auf dem Spiel. Und was die unverrückbare Einheit aller Möglichkeiten des hellen Menschen erweist (eine wirkliche, nicht erst durch eine Idee konstruierte Einheit), ist eben das Bewußtsein. Diese Einheit untersteht gewiß einer noch höheren, der des größeren Menschen. Aber sie selbst schon ist ein Ganzes und sollte nur als solches genommen werden. Vielleicht wird das Wesen des hellen Menschen noch plastischer sichtbar, wenn wir an den andern Menschen in uns denken, den dunklen. Wir alle wissen — und dazu bedarf es nicht erst eines mystischen Gefühls —, daß wir über einem Geheimnis leben. Was wir als helle Menschen in unseretm Bewußtsein erfahren, ist nur wie das bewegte Obenauf eines abgrundlosen Gewässers. In der dunklen Tiefe aber treiben Mächte, die man, ein wenig veriegen, Triebe und Instinkte nennt. Da wirkt ein Lebens-Etwas mit unbekanntem Wollen, das unabhängig von unserem Denken oder Fühlen den Körper baut, erhält und verfallen läßt. Da lagern Erbschaften von Ur-Vergangenheiten und Absichten drängen weit über unser persönliches Leben hinaus. Nicht was der helle Mensch sieht, aber wohin er sieht, nicht, was er tut, aber mit welcher 319