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Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 318

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Die Erweckung
Date
1928-10-01
Page
318 (sequence 2)
Language
German
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Friedrich Thieberger erstrebt werden. Die lebendige Innigkeit der biblischen sittlichen Erkenntnisse, so ungeordnet sie gebracht sind, wird von keinem ethischen Lehrsystem erreicht. Gerade in unserer Zeit scheint man die Gefahr einseitiger wissenschaftlicher Atomisierung zu ahnen. Wer einen „Baum" wissenschaftlich zerlegt und nach Wurzel, Stamm und Krone prüft, würde sich sehr tauschen, wenn er, die erforschten Teile zusammenfassend, nun etwas über den wirklichen ganzen Baum als eine Einheit aussagen zu können glaubt Der in unausschöpfbarer Fülle des Daseins atmende Baum und nicht der im Lehrbuch beschriebene oder in Gedanken ersonnene und erwünschte Baum, ist der wahrhafte. Die Wirklichkeit eines Ganzen ist etwas anderes als die Summe seiner Teile. Die Hinwendung zu den Tatsachen der Ganzheit und Einheit, wie etwa in -der erneuerten Charakterologie, in Ehrenfels' ästhetischer Gestaltsqualitat (eine Melodie ist ihren Tönen gegenüber eine gesonderte Einheit), in der Phänomenologie, die den Unterschied von lebendig erschaubarer Wirklichkeit und zerlegender Gedankenarbeit scharf sondert, in Drieschs Lehre von der in den Stücken jedes organischen Ganzen waltenden Einheit — diese überall spürbare Wendung macht deutlich, worum es heute im innern Werdeprozeß des menschlichen Denkens geht: vor den Verlockungen der griechischen Atomisierung den Weg zur orientalischen Totalität nicht zu vergessen. Man wird es darum verstehen, wenn ich sage, daß im wirklichen Menschen, wie er leibt und lebt, (und nicht in der raumlosen Idee von einem schematisch in Regungen und Eigenschaften spaltbaren Individuum) gleichzeitig eine Vielfalt von Menschen zu einer Einheit verbunden sind. Jeder dieser „Menschen" in uns ist eine Ganzheit, die gleichzeitig wirkt Es sei nur auf die merkwürdige Erfahrung hingewiesen, daß nahezu ausnahmslos in jedem von uns Gegensätze und Widersprüche, die jeglicher gedanklichen Überbrückung trotzen, neben- und ineinander am Werke sind. Bald tritt freilich der eine, bald der andere Mensch in uns stärker hervor und scheint dann den ganzen Raum unseres Da-Seins auszufüllen. Nun soll damit aber nicht an Stelle der Menscheneinheit eine willkürliche Vielmenscherei gesetzt sein. Nicht jeder Wesenszug oder jeder Willensakt, der ja im Augenblick des wirklichen Lebens einen ganzen Menschen fordert, ist darum schon zu „vermenschlichen". Aber immerhin sind die Äußerungen und Reaktionen unseres Ich, als der höchsten Einheit, deutlich verschiedenen Menschen in uns zuweisbar und zwar — so viel ich bisher sehe — dreien. 318

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