Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Die Erweckung
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 317 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Erweckung Von Friedrich Thieberger Im folgenden wage ich es, die ungeteilte Wirklichkeit unserer geistigen Existenz von einer, wie mir immer deutlicher wird, zentralen Warte aus zu betrachten. Ich kann es vorläufig nicht anders tun, als durch ein ungefähres Andeuten ihrer Lage. Aber wichtiger als stückhafte Funde im Gelände, ist der Blick von einer Stelle, die für die Landschaft Einheit und Richtung schafft Das menschliche Denken hat seit Jahrhunderten — und endgültig — den griechischen Weg gefunden: das Chaos durch geordnete Zergliederung alles Erfahrbaren zu überwinden. Atomisierung und Systematik bleiben dauernd das Wahrzeichen der Wissenschaft. Die alte orientalische Denkform aber, aus Ergriffenheit des ganzen Menschen bald hier, bald dort die Wirklichkeit zu bewältigen, die rechte Gesamthaltung im persönlichen Leben statt objektiver Erkenntnistatsachen, Weisheit statt Wissenschaft zu ermitteln, erscheint demgegenüber als vorwissenschaftlich. Griechisch und orientalisch sind dabei nicht als Bezeichnungen einer Naturtatsache, sondern einer historischen Nuance gemeint Heute gibt es unter den Orientalen viele Forscher „griechischen" Denkschlages (etwa den indischen Mathematiker Tilak, den japanischen Arzt Hata), so wie unter den Europäern ein Kierkegaard und Nietzsche dem „orientalischen" Denken nahe kommen. Es mag sogar sein, daß der forschende menschliche Geist immer auf dieser Doppelbahn sich bewegen wird, daß nie ein wissenschaftlicher Schritt nach vorwärts ohne die vorwissenschaftliche Ergriffenheit wird getan werden. Denn die griechische Atomisierung ist nur Mittel und Weg zu einem Ziele, das die orientalische Versenkung im Augenblick gewinnt und aus dessen innerem Besitz ihr die Kraft und Ruhe für das Einzelne zuströmt. Schließlich wird die vorwissenschaftliche Art, immer auf die Totalität des Lebens auszugehen, doch wieder vom wissenschaftlichen Denken 22» 317