Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Neue Schriften [Rezension]
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 305 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Anzeigen aus den 3ooo Jahren, über die die abgedruckten Dokumente Rechenschaft ablegen, rückschauend das Einheitliche und Verbindende heraushebt und die zukunftsträchtigen Kräfte ahnen läßt. Den Beschluß dieses Überblicks bilde der Hinweis auf einen ausgezeichneten Vortrag des Gießener evangelischen Theologen Fr ick.1) Er behandelt die Frage, wie man zu dem wahren Sinn des Bibelwortes komme, ob durch die wissenschaftliche Feststellung seiner Bedeutung oder durch den inneren Glaubensgeist, der es durchweht. Er kommt zu der Erkenntnis, daß beides da sein müsse, der wissenschaftlichen Feststellung des Wortsinnes müsse hinzutreten, daß man den Gemeingeist der Glaubenskirche reden hört. Diese Form der Verkündigung ist die im Kultus einzig gegebene, aber sie ist nicht vom Willen und der Kraft des Menschen erreichbar, sie ist Gnade und einzig Gnade. Es ist in hohem Maße reizvoll, die Ausführungen zu lesen, im Besonderen ist ansprechend die Art. wie das Bibelwort als Zwiegespräch zwischen Mensch und Gott erfaßt wird, in dem der Mensch sich für seine Gegenwartsfragen mit Gott in Beziehung setzen muß. Hier kann man auch als Jude mancherlei lernen, und auch den Juden muß es fesseln, wenn von dem Gemeingeist der Glaubenskirche die Rede ist; kennt er auch keine Kirche, so kennt er doch den Gemeingeist, verdankt doch das ganze nachbiblische Schrifttum seine verpflichtende Geltung solch einem consensus omnium« Dann aber entzündet sich an der christlichen Antwort des Verfassers das Bewußtsein von der andersgearteten Antwort des Judentums. Das Christliche der Ausführungen ist sowohl darin zu finden, daß alles um die Rechtfertigung als Mittelpunkt des religiösen Bewußtseins zirkelt, als auch in der Antwort, daß das letzte Verstehen Gnade ist. Wie hier der Jude denkt, darauf gibt, allerdings im Gesetzlichen, aber die Geltung ist unbeschränkt, die bekannte Legende die Antwort: Eines Tages stritt man im Lehrhaus um die Beantwortung einer Frage. Da sagte Rabbi Elieser: „Wenn ich recht habe, mag dieser Johannisbrotbaum für mich Zeugnis ablegen." Da entwurzelte sich der Baum und wurde iöo Ellen weit geschleudert. Aber die Weisen erwiderten: „Der Baum ist kein Zeuge." Darauf sagte Rabbi Elieser: „Dann möge, zum Zeichen, daß ich recht habe, das Wasser aufwärts fließen." Und siehe da, das Wasser, das am Lehrhaus vorüberfloß, wendete sich bergauf. Die Weisen erwiderten kühl: ,.Das ist kein Beweis." Wieder erhob Rabbi Elieser seine Stimme und rief die Wände des Lehr-: hauses zu Zeugen auf. Und die Wände beginnen, sich zu neigen. Aber der Vorsitzende schrie sie an und befahl ihnen, sich nicht in den Streit der Weisen einzumischen. Da hielten sie aus Ehrfurcht vor dem Vorsitzenden in ihrem Sichneigen inne, und aus Ehrfurcht vor Rabbi Elieser richteten sie sich nicht wieder auf. Nun rief Rabbi Elieser Gott selbst zum Zeugen auf und eine Stimme aus Himmelshöhen ließ sich vernehmen: „Was streitet ihr gegen Rabbi Elieser, er hat immer recht." Da rief Rabbi Josua zum Himmel empor: „Die Lehre ist am Sinai uns gegeben worden, sie ist nicht mehr im Himmel; der Himmel hat keinen Einfluß mehr auf sie." Einige Tage später traf einer der Rabbis, die an der Sitzung teilgenommen hatten, den Propheten Elia (der ja bekanntlich als in Menschengestalt auf Erden wandelnd oft empfunden wird), und er fragte ihn: „Was hat man denn im Himmel zu uns gesagt?" Da antwortete Elia: „Gott hat gelächelt und gesagt: nizchuni bonaj — meine Kinder haben mich besiegt!" Dieses nizchuni bonaj ist lebendigster Ausdruck der jüdischen Meinung vom Erfassen des Sinnes der Heiligen Schrift. Max Dienemann. Arthur Titius: Natur und Gott. Ein Versuch zur Verständigung zwischen Naturwissenschaft und Theologie. (Vandenhoeck u. Ruprecht, Göttingen 1926. Es ist die Pflicht des Referenten, einleitend festzustellen, daß der Autor ein gewaltiges Thema mit vielem Erfolg in Angriff genommen hat. Mehr als der Titel verrät, enthält das Buch. Eine weitausholende Darstellung der Wechselwirkungen von Religion und Naturbetrachtung durch die Geschichte des menschlichen Denkens hindurch, der Stellung der Natur in den Religionen und der religiösen Elemente in der Naturlehre führt von den Zeiten primitiven Denkens bis zu unserer Gegenwart. 1) Frick, Wissenschaftliches und pneumatisches Verständnis der Bibel. J. C. B. Mohr, Tübingen. 36 S., i.5o W.. 305