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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 298

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Mythos und Wirklichkeit
Date
1928-08-01
Page
298 (sequence 3)
Language
German
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Erich Unger selbst und seiner ganzen Welt, von der aus er untersucht, ebenbürtigen Gegenstand vor sich: nicht der außermenschliche Naturgegenstand und nicht die menschliche Einzelseele--sondern ein Mensch selbst, und zwar als eine Gesamtheit, eine Ruiturwelt von fremder Struktur, tritt im Mythos dem Forschenden gegenüber, der zusammen mit seiner Welt ebenfalls den Menschen als eine Gesamtheit — unsere Kulturwelt mit bekannter Struktur — repräsentiert Überall sonst fragt aus dem Forscher heraus eine Welt nach untergeordneten Dingen. Aber im Falle des Mythos fragt eine Welt nach einer anderen (Ebenbürtigkeit zwischen dem Untersuchenden und seinem Objekt entsteht), und da geschieht das überaus Besondere, daß die inquirierte Welt zurückfragt: das heißt, daß die mythische Welt zurückwirkend die unsere fragwürdig macht — die festen Umrisse, die ewig scheinenden Konturen unserer eigenen Wirklichkeit unsicher macht und erschüttert: Unsere Realitätsempfindung, jenes letzte, das bei allen anderen Gegenständen, die wir erforschten, unberührt blieb, wird angegriffen. Dieser Sachverhalt rollt sich vor uns auf in dem Werke eines Forschers unserer Tage, Oskar Goldberg, der, sehr viel weiter ausholend als die übliche Mythenforschung, bei dem Unternehmen, in den hebräischen Mythos einzudringen, sich in den allgemeinen Zugangsraum zu allen Mythen aller Völker, in die erste Region der allgemeinen mythischen Welt versetzt sah. Und da zeigte sich, daß, wenn man den mythischen Bericht aus seinem Grunde enträtseln wollte, wenn man sich nicht damit begnügte, ihn für fremdartiges Seelengespinst zu halten —, daß man dann auf neue Realitätsinhalte stieß, auf körperhafte Erfahrungsinhalte, die als wirklich gedacht werden mußten, obwohl sie in unserem Weltbild fehlten. Zum ersten Male scheint unsere Welt nicht die Norm abgeben zu können über das, was existieren kann und das, was nicht existieren kann. Nicht irgend ein „okkultistisches X" fand der Forscher, keinen „unbekannten Stoff" und keine „unbekannte Kraft", sondern er stieß in der mythischen Welt auf ein neues Grundelement der Realität selbst, das in unserer Welt nicht angetroffen werden kann. Dieses Grundelement der Wirklichkeit unterscheidet sich schon darum von allen okkultistischen Variationsmöglichkeiten unserer Realität, als alle okkultistischen Phänomene, selbst wenn sie wahr sein sollten, Naturphänomene wie alle anderen wären, d. h. zum Sein, zur Denkbarkeit des Menschen und der Welt nicht mehr beitragen würden als alle sonstigen Naturtatsachen. Hier aber wurde ein Phänomenbereich aufgewiesen, der nicht nur aus der Tatsächlichkeit, sondern vom Sinn, von der Erkenntnis des Seienden her legitimiert werden kann. Denn in unserer ganzen Welt fehlt: die reale Bedeutung der Vielheit. Unsere ganze Welt ist eine Welt von Millionen von Einzelnen. Der Tatsache, daß es viele Menschen gibt, kommt keine qualitative, sondern nur eine quantitative Bedeutung zu. Das, was die Vielen hervorbringen, überschreitet nur der Quantität nach, nicht aber der Qualität nach das dem einzelnen Menschen mögliche. 298

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