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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 297

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Mythos und Wirklichkeit
Date
1928-08-01
Page
297 (sequence 2)
Language
German
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Mythos und Wirklichkeit Seelen, — unsere eigene trotz aller Problematik und alles Unbekannten festgegründete Welt bildet die Basis, von der aus gefragt wird und an der gemessen werden muß. Mag die Philosophie nach einer überweltlichen allgemeinen Welt suchen, die inhaltlichen Einzelwissenschaften gehen von dieser unserer uns in gewissen großen Zügen vertrauten und also vertraut vorausgesetzten Welt aus. Und so gilt es auch für den Gegenstand des Forschens, der das Reich der Mythen bildet. Auch die Fragen über die Mythenwelt, nach Entstehung der mythischen Vorstellungen, nach dem Zustand des mythenbildenden Geistes — auch dieses alles muß notwendig von unserer Welt, von unseren Vorstellungen, von unserem Geist aus gefragt werden. Wohlverstanden: nicht als ob unsere Mythenforscher so unpsychologisch wären, unsere eigene Denk- und Vorstellungsweise den frühen Völkern unterzulegen, sie wissen gar wohl, daß wir vieles umdenken müssen, daß wir uns in fremde und heterogene Seelen einfühlen müssen, daß nur Intuition und ein Absehen-Können von unserer eigenen Geisteshaltung uns die Geisteshaltung versunkener Zeiten näherbringen kann und uns ihre Schöpfungen verstehen lassen kann — aber ganz können wir uns nicht aufgeben bei diesem Hineinversetzen in die Seele des Dämonen- und Wunder- Sehenden, einen letzten Schritt tun wir nicht und können ihn nicht tun, einen letzten Streifen halten wir fest bei dem Ausflug in fremdeste Regionen: die Wahrheit und Naturgesetzlichkeit dieser unserer Welt. Gewiß, wir konzedieren, daß diese Welt anderen früheren Seelen anders „erscheinen" kann, aber wir halten das für eine Sache der Seele, nicht der objektiven Welt selbst, nicht der Realität selbst. Wir halten die Behauptung, daß sich Meere auf Befehl spalten, um ein bedrängtes Volk hindurch zu lassen für unwirklich, weil es unserer Wirklichkeit widerspricht, wenn wir auch zugeben, daß es Seelenzustände gibt, an dergleichen zu glauben. Wir sind davon überzeugt, daß diese Welt zu allen Zeiten die Gleiche ist und daß man sie wohl verschieden interpretieren kann, aber wir halten die Grundzüge unseres eigenen Weltbildes notwendig für mehr als eine bloße Interpretation. Das zeigt sich daran, daß das Rätsel der Mythen für uns nicht in der Frage liegt: Wie kann sich das Meer gespalten haben?, sondern in der Frage: Wie kommt der Geist dazu, die Meerspaltung für wahr zu halten? Unsere Welt steht, wenn auch noch in schattenhaftem Umriß, ab Norm im Hintergrund. Und hier nun ist die Stelle, da im Reiche der Mythenforschung sich etwas höchst Seltsames begibt, was in anderen Forschungsgebieten undenkbar ist: denn alle anderen Gegenstände, nach denen der wissenschaftliche Mensch der Gegenwart fragt, seien es die Dinge der Natur odeij die Dinge des Geistes — alle diese anderen Forschungsgegenstände reden eine sozusagen stumme Sprache — sie antworten irgendwie auf die Frage des Naturforschers oder des Seelenforschers, sie bereichern seine Kenntnisse, aber gleichsam wie unlebendige Dinge oder im Tiefschlaf befindliche Wesen reagieren sie nur im engen Umkreis und automatisch auf die Inquisition und verbleiben im übrigen stumm und reglos und lassen die Welt des Fragenden unberührt — sie fragen nicht zurück. Aber im Mythos hat der Forschende zum ersten Male einen ihm 297

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