Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Mythos und Wirklichkeit
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 299 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895479-2898965--02925-2899085- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mythos und Wirklichkeit Die "Vielheit hat also in unserer Erfahrungswirklichkeit nur diese quantitative Bedeutung. Viele Geister denken nicht tiefer als einer — viele Körper schaffen zwar mehr als einer, aber nichts dem Einen im Prinzip verschlossenes: die Vielheit ändert die Grenzen des qualitativ .Menschenmöglichen nicht. Die Vielheit der Menschen, die Tatsache, daß es viele Menschen gibt, erhielte erst in dem Augenblick ihre eigene typische Bedeutung, wenn die Vielheit die Grenzen des qualitativ Menschenmöglichen verschieben könnte — die Vielheit hätte erst einen eigenen Sinn, wenn sie, unter Ausschaltung des Faktors der Zeitdauer oder der Körperkräfte — etwas hervorzubringen vermöchte, was nicht die Kraft, sondern die Natur des Einzelnen, das Wesen des Einzelnen übersteigt, erst dann bildet die Vielheit gegenüber dem Einzelnen ein wirkliches Gegenwesen. Nun aber ist Vielheit ihrem Begriffe nach ein Quantitätsunterschied zum Einzelnen. Was soll es also da bedeuten, daß sie in einem qualitativen Gegensatz zu der Sphäre des Einzelnen tritt? Nichts anderes, als daß die Vielheit eine Seite an dem Einzelnen ergreift, die eigentlich, d. h. in unserer Erfahrung, für die Vielheit nicht erreichbar ist, daß es eine Additionsart der Einzelnen gibt, die wir nicht kennen. Unsere Erfahrung kennt von den Zusammenfassungsmöglichkeiten des Einzelnen zu einer Vielheit nur zwei: erstens das Zusammenströmen vieler seelischer Einzelgrößen zu einer Einheit, zu einer Massenpsyche — — diese Addition bringt die Phänomene der Massenpsychologie hervor — und zweitens die Zusammenfassung der Körperkräfte der Einzelnen: sie bringt die „Wunder der Technik" hervor — die körperlich vereinheitlichte Masse ist eine unerläßliche Bedingung der Entstehung der Welt. Seelisches und Körperliches des Einzelnen also kann von der Sammlung zu einem Ganzen ergriffen werden. Aber die Totalerscheinung des einzelnen Individuums, dessen Seelisches und dessen Körperliches additionsfähig ist, besteht noch aus einem dritten Element: der bewußtlosen körperorganisierenden Lebendigkeitskraft, der biologischen Kraft. Und hier läuft die Scheidewand durch die „Realität überhaupt", die Grenzen, die unsere Welt von der mythischen Welt trennt; unsere Erfahrung kennt nur die Summation von Seelischem und Körperlichem — aber die mythische Welt entsteht damit, daß sie auch noch die Summation der biologischen Energien des Einzelnen zu einem Ganzen kennt. Aus der Sammlung der lebensgesetzlichen Dynamis der Einzelnen wird, erkenntnismäßig begreifbar, alles jenes ausnahmemäßige Geschehen geboren, das unsere Welt für unnatürlich und erdichtet halten muß. Und im Gesammeltsein dieser biologischen Einzelströme zu Ganzheiten werden plötzlich jene phantastischen Wesenheiten und Mächte — die Götter — als ganz reale wieder erkennbar, die die mythische Welt regieren und die, ohne dieses Begriffsinstrument, die wesenlosen oder symbolischen Ausgedachtheiten sind, für die die unmythische Welt sie halten muß. Die Wirkungen und Inhalte der Vielheit überschreiten das qualitativ dem Einzelnen Menschenmögliche. Das naturgesetzliche „Wie" dieser biologischen Summation bildet nur ein weiteres gewaltiges Forschungsgebiet, von dem hier nur ausgesagt sei, daß es das aufhellende Licht auf das zweite Haupträtsel der Mythen 299