Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Mythos und Wirklichkeit
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 296 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Mythos und Wirklichkeit Von Erich Unger In dem immer etwas seltsamen Bereich der Mythenforschung hat sich etwas Bemerkenswertes erster Ordnung ereignet: Mythologie — Wissenschaft vom Mythos — ist ein Forschungsgebiet wie viele andere, und der Mythos ist ein Gegenstand menschlicher Erkenntnisbemühung unter vielen anderen Gegenständen: wie die Erde, die Völkerrassen oder der menschliche Körper, die Tierwelt, die menschliche Seele oder der Weltraum. „Mythen" — das nannte unsere Wissenschaft die Kunde von den Bewußtseinsschöpfungen früher Völker oder primitiver Völker — eine Art von Bewußtseinsschöpfungen abenteuerlichen, phantastischen oder symbolischen Inhalts. Der erste Anblick, den die Welt dem Menschen bietet — nicht abstrakt, sondern anschaulich — die Natur: nicht von Naturgesetzen, wie der heutige Blick sie sieht, beherrscht, sondern von Göttern und Dämonen regiert; der Mensch: nicht in seinen wenigen obersten Exemplaren von philosophischen Überlegungen getrieben und gehemmt, sondern in seiner Gesamtheit durch phantastische Lebensgefahren hindurch schwankend und von überirdischen Landschaften des Glücks angezogen. Die Kunde vom Geist der Urzeit — um dieses Reich bemüht sich die mythologische Wissenschaft. Zweifellos ist Philosophie wenigstens das Streben nach Voraussetz ungslosigkeit (ob es wirklich voraussetzungslose Wissenschaft gibt, das ist umstritten), aber unzweifelhaft ist, daß die empirische Forschung, die Einzel Wissenschaften, nicht voraussetzungslos sein können. Sie alle, ob sie nun nach der Entstehung des Sonnensystems oder nach dem Wesen des Psychisch-Anormalen fragen, sie alle müssen von inhaltlichen Voraussetzungen und Sachverhalten ausgehen, von einer Norm und von einem Standort, von dem aus sie fragen. Zu jeder Frage gehört ein unbezweifelt Vorausgesetztes, wie zu der Frage nach dem Unbekannten einer Gleichung die bekannten Größen derselben. Alle Einzelwissenschaften setzen eine Welt voraus, von der aus sie fragen und nach der hin sie fragen: eine Wissenschaft will wissen, wie die Tiere entstanden seien, und sie setzt das Bild der Tierwelt voraus, das ihr vor Augen steht; sie macht zum Ausgang und Ziel ihrer Fragen das unzweifelhaft Gegebene, die anschauliche Welt. Die uns bekannten Gesetze der Natur, der Materie und des Geistes, sie bilden das Kriterium für zustimmende oder abweisende Behauptungen — unsere eigene Kultur bildet den Vergleichungsmaßstab mit anderen Kulturen, unsere eigene Seele die Norm für fremde 296