Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Zum ersten Band der Encyclopaedia Judaica [Rezension]
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 291 (sequence 3)
- Language
- German
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Zum ersten Band der Encyclopaedia Judaica Aber der Schaden sitzt noch tiefer. Die Enzyklopädie umschifft jene Klippe, indem sie in den größeren biblischen Artikeln die Wiedergabe dessen was in der Bibel selbst steht, dessen was Talmud und Midrasch zu dem betreffenden Thema ausführen, dessen was unsre mittelalterliche Exegese an Erklärungen beibringt, endlich dessen was die moderne Wissenschaft zur Sache zu sagen hat in getrennten, meist auf verschiedene Autoren und Redaktoren verleilten Abschnitten vornimmt. Ein andrer Ausweg aus der angedeuteten Schwierigkeit ist ja kaum zu finden, obwohl natürlich die Forderungen der Orthodoxie auch durch ihn nicht befriedigt werden: denn diese Trennung selbst schlägt ja ihrer "Vorstellung einer, ob auch vielarmig, so doch einheitlich durch die Jahrhunderte und Jahrtausende strömenden geistigen Tradition ins Gesicht. Aber schlägt sie nicht auch unserm modernen Begriff von Wissenschaft ins Gesicht? Läßt sich ein literarischer Tatbestand, wie etwa die biblische Geschichte Abrahams, wirklich unabhängig, von allen späteren Auffassungen, auch denen der eigenen Zeit, wiedergeben. Und andrerseits: hat die Geschichte der Erklärung, in diesem Fall also: haben Talmud, Midrasch und die mittelalterlichen Kommentatoren für uns wirklich Interesse, wenn sie ganz ohne Beziehung auf die moderne Wissenschaft und ihren Gegenstand, die alte Bibel, dargestellt werden? Die Einheit, welche die Orthodoxie um der Tradition willen verlangen muß, müssen wir Modernen um der Einheit der Wissenschaft willen verlangen, die keine auf die Dauer getrennten Konten zuläßt. Hier nun wird erst die ganze Mißlichkeit unsrer derzeitigen geistigen Situation deutlich, die zu jener Trennung führte. Ein Mann wie Harnack umfaßt gleichmäßig die Wissenschaft des neutesiamentlichen Kanons, die mittelalterliche Dogmengeschichte, das ihm gegenwärtige Wesen des Christentums und läßt diese verschiedenen Inhalte seines Wissens einander wechselweise befruchten. Wir haben nichts dergleichen. Unsre Bibel Wissenschaft, soweit sie modern sein will, hat den inneren Anschluß an die jüdischwissenschaftliche Vergangenheit verloren und macht sich zu einem Teil der protestantischen Alttestamentsforschung. Was von Ansätzen zu einer neualt jüdischen Bibelwissenschaft da ist, ist entweder, wie das, was die neue Bibelübersetzung zu diesem Ziele beisteuert, noch wirkungslos oder wie das Werk B. Jacobs noch unsichtbar. Es ist sehr bezeichnend für die geschilderte Lage, daß die redaktionelle Leitung der bibelwissenschaftlichen Abteilung der Enzyklopädie in den Händen des hebräischen Übersetzers Wellhausens und Herausgebers des schönen Bilderwerks „Die Welt der Bibel", des vortrefflichen, aber als Bibelforscher ganz unselbständigen M. Soloweitschik liegt, während der Schreiber des noch ungedruckten, aber für den Genesisband fast vollendeten Pentateuchkommentars (von dessen wissenschaftlicher Wichtigkeit die in dieser Zeitschrift zum Abdruck kommenden volkstümlichen Einleitungen keinen vollen Begriff geben), eben B. Jacob, zwar auch in der Redaktion sitzt, aber als Sachverständiger für — Gegenwartsfragen! Die Aufgabe, um es denn doch auch positiv zu sagen, ist: über der "Vor- Frage nach der Entstehungsgeschichte unseres Texts, für die sich die protestantische Wissenschaft in natürlicher Fort- 20 29t