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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 290

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Zum ersten Band der Encyclopaedia Judaica [Rezension]
Date
1928-08-01
Page
290 (sequence 2)
Language
German
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Franz Rosenzweig zuteilen: Die Aasübung der Rezensentenpflicht, das Buch nach den vorhergehenden Stichproben nun einmal ganz durchzusehen, wurde zu einer unerwartet zeitraubenden Beschäftigung, weil mich auf Schritt und Tritt Artikel anzogen und dann meist nicht losließen, bis ich sie zu Ende hatte. So muß ich sagen: der Passus der Vorrede, der das Werk historisch an die „monumentalen Enzyklopädien" Mischna, Talmud, Mischne Tora, Turim, Schulchan Aruch anreiht, der einen zunächst als ein wenig angebrachter Vorwitz berührt, verliert an Vermessenheit, je mehr man das Buch kennen lernt und sich seine möglichen und wünschbaren Wirkungen vorstellt. Man könnte sich wirklicn denken, daß von diesem Werk, das so gut wie nichts — noch nicht einmal Kenntnis der hebräischen Buchstaben — voraussetzt, eine Wiederbelebung des jüdischen Lernens ausginge, ein jüdisches Wissen grade des modernen Juden, dessen „amhaarazus" ja nicht in seiner Ungebildetheit, sondern grade in seiner Bildung ihren Grund hat. Dazu wäre allerdings erforderlich, daß das Werk nicht nur in öffentlichen und Vereins- Bibliotheken stünde, sondern Hausbuch würde. Die Eignung dazu hat es. Und der Preis ist ja gewiß hoch, aber er verteilt sich auf Jahre, und schließlich steht er zwischen dem eines Konversationslexikons und dem eines Klaviers, also zweier notwendigen Einrichtungsgegenstände jedes jüdischen Hauses. * Ich gedenke, an die Anzeige der einzelnen Bände jedesmal eine Bemerkung über einen Gegenstand anzuschließen, zu der der Inhalt des Bandes Anlaß gibt. Die Klippe, an der die Allgemeinsamkeit jüdischgeistiger Unternehmungen zu scheitern pflegt, ist die Stellung zur Bibel. Wir sind uns meist nicht klar darüber, daß von den heutigen europäischen Orthodoxien die jüdische die einzige ist, die noch an dem Dogma der Verbal-, ja sogar Buchstaben-Inspiration festhalten zu müssen glaubt. Selbst die römische Kirche läßt Textkritik zu, — was ihr freilich leichter fällt, weil ja der geheiligle Text, den sie zu hüten hat, kein Original, sondern eine Übersetzung ist. Nur in unserer Orthodoxie gilt sie noch heut für schlechthin unerlaubt; in ihren breiteren Kreisen stellt man sich unter Bibelkritik statt eines Versuchs, den Bibeltext von Fehlern, die sich in ihn eingeschlichen haben, zu reinigen, eine feindselige Kritik der biblischen Inhalte vor. Die kann natürlich mit philologischer Textkritik verbunden sein, aber notwendig ist das nicht im mindesten. Man braucht gar nicht an einen der vielen von Ehrfurcht gegen das Alte Testament und von festem Glauben an seinen göttlichen Ursprung durchdrungenen Bibeltextkritiker wie Franz Delitzsch zu erinnern; auch die bete noire unsrer Orthodoxie, Wellhausen samt seinen Vorgängern und Schülern, hat er nicht auch uns, mögen wir in noch so vielem von ihm abweichen, auf den Weg zu' einem wirklichen Verständnis der Propheten hingenötigt, die vorher streckenweit wirre Spruchhaufen schienen? Ich getraue mir nicht zu beurteilen, ob unsre Orthodoxie wirklich gezwungen ist, sich auf diesen Standpunkt zu stellen; daß sie sich dadurch außerhalb des Judentums jedes geistigen Einflusses und innerhalb des Judentums aller werbenden Kraft beraubt, ist sicher. 290

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