Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Jüdische Jugendbewegung
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 284 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895479-2898962--02907-2899070- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ernst Holzer sie bestimmenden Einfluß auf das Volksganze gewänne. Man gewöhnte sich in den Kreisen der Bewegung an die Definition: Jugendbewegung ist eine Kulturbewegung. Das ist alles schön und gut! Wir haben vorhin gesehen, daß dieser Einfluß auf die deutsche Kultureigenart von der Jugendbewegung ausgeübt wurde. Hier versagte die Bewegung nicht, sie zerbrach daran, daß wohl das Koilektivum, der Geist, die Sonderart den Weg finden konnte zum Volk, daß aber der Einzelne, als er für sich persönlich den Weg beschreiten sollte und mußte, ihn verfehlte. Da ist eine Bewegung voll dynamischer Kraft, eine Bewegung, die in ihrem Entstehen und ihrem Wesen und in ihren Zielen Neues bringt, eine Bewegung, die quasi prophetisch eine neue Religion dem Volke geben will. Ihre Menschen sind Eiferer, jugendlich-feurige Aufwiegler, die aber nicht zögern, in ihrem Betätigungskreis, in den Grenzen, die ihrem Alter gesetzt sind, wahr zu machen, was sie predigen, sich abzuwenden von den alten Göttern, um nur ihrem Gott zu dienen. Das alles gebärdet sich anders als jener Oppositionsgeist, der zu allen Zeiten den dramatischen Theaterkonflikt zwischen Vätern und Söhnen hervorbringt. Das verlangt für sich, wir sagen mit Recht, den Namen: Kulturbewegung, weil es sich um eine neue oder neuartige Kultur handelt, die hier gebracht wird. Im selben Maße wie die Führer der Bewegung älter werden, werden sie keinesfalls lahmer in ihrem Streben, schwächer in ihrem Kampf. Nur die Art der Kampfführung wird anders. Sie wird mehr akademisch, mehr wissenschaftlich unterlegt. Das alles geht aber nur bis zu einem gewissen Augenblick. Solange jene Älteren auf Schulen und Hochschulen saßen, solange sogar sie als Kaufleute nur erst Lehrlinge waren, also noch nicht zur vollen Selbstbestimmung und Selbstverantwortung gekommen waren, solange blieben sie Führer der Jugendbewegung. In dem Moment aber, wo sie in die Berufe eingetreten waren, vollwertig die Plätze einnehmen sollten, die ihre so verlästerten Väter vor ihnen einnahmen — da beugten sie sich diesem Zwang. Sie wurden Verräter an ihrer eigenen Überzeugung, sie mußten die Bewegung aufgeben, weil der Zwang der Gesellschaft stärker war als sie. Und da diese Generation der Älteren aus der großen Zeit der Bewegung in Bourgeoisie und Philistertum aufging, verlor die Jugendbewegung jene, die sich die Führer nannten. Das Älterenproblem komplizierte sich zur „Führerfrage". 284