Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Jüdische Jugendbewegung
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 283 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Jugendbewegung Diese Macht also lag in der Geschlossenheit der Bünde begründet Das ist die Stärke. Die Schwäche aber liegt darin, daß der Einzelne, der aus der Wärme der Gruppe ins kalte Leben hinaustrat, sich nicht mehr auskannte, nicht mehr allein auf eigenen Füßen stehen konnte. Und da es die Führer, die Älteren in der Bewegung waren, die dieses Schicksal zuerst traf, erhob sich plötzlich in allen Bünden der Jugendbewegung zugleich, etwa um 1924 bis 1926, teils früher auch, drängend, drohend, ein ungelöstes, unlösbares Problem, für das schnell, aus der Gemeinsamkeit der Erscheinung heraus, eine gemeinsame Bezeichnung üblich wurde: Das Älterenproblem, die Führerfrage. II. Das Aelterenproblem Und hier sind wir am Kernpunkt angelangt: Am Älterenproblem zerbrach die deutsche, zerbrach auch die jüdische Jugendbewegung. Wieso? Wenn es sich um die geistige Betätigung des Menschen handelt, so haben wir zwei grundverschiedene Einstellungen zu beachten. Einmal jene, die in der geistigen Tätigkeit nur ein Mittel sieht, ihren Träger allein zu bessern und zu veredeln; sodann aber die, die bestrebt ist, einen Einfluß auf die Umgebung, einen engeren oder weiteren Menschenkreis, zu gewinnen und durch geistige Missionstätigkeit (man verstehe das Wort nicht falsch) eine Erhöhung des Niveaus der Mitmenschen zu erreichen. Man kann die erste Einstellung eine egoistische, die zweite eine altruistische nennen. Man kann aber auch sagen, daß notwendigerweise sich der Mensch von der egoistischen zur altruistischen Auffassung entwickeln müsse, daß also nur ein temporärer Unterschied vorliege. So jedenfalls ist es bei der Jugendbewegung gewesen. Den Wandervögeln Karl Fischers lag jeder Wille auf die Anderen zu wirken — ich möchte es den Willen zur Weitenwirkung nennen — sicherlich fern. Sie wollten frei sein — für sich. Zwanzig Jahre später aber hatten die Wandervögel, hatten die Freideutschen des Hohen Meißner diesen Willen wohl. Ihnen war es aufgegangen, daß es nicht damit genug sei, daß man sich in starrer Opposition, oft genug auch Opposition um ihrer selbst willen, gegen Elternhaus, Schule, Staat, Kirche, als die Mächte des Alten wandte. Und so sehr sie auch das Recht forderten und für sich in Anspruch nahmen, aus eigener Bestimmung, aus eigener Verantwortung ihr Leben zu gestalten, so sehr war es ihnen klar, daß Jugendbewegung nur dann gut und förderlich sein könne, wenn 283