Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Jüdische Jugendbewegung
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 282 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Emsl Holzer 1912—1914 Gründungszeit und stilles Wirken der jüdischen Jugendbewegung. 1914—1918 Ruhiges Weiterarbeiten, erschwert durch die Abwesenheit vieler im Kriegsdienst stehender Führer. 1918—1924 Die große Zeit der deutschen Jugendbewegung im allgemeinen — die große Zeit der jüdischen Jugendbewegung im besonderen, nävra yel — alles fließt Eine Weltenwende schien angebrochen zu sein. Die Gegensatze der großen Menschengruppen traten mit elementarer Wucht zutage, und jeder wurde in den Strom mitgerissen, jeder mußte an dem Werden des Neuen teilnehmen — und all das lockerte den schon erschlossenen Boden des jugendlichen Gemütes und Geistes, und alle Energien der Jugendbewegung traten in jenen Jahren in Kraft und Tätigkeit. Und all das trifft Juden und Nichtjuden mit derselben Starke. Der Zug der Zeit ging zur Gemeinschaf t hin. Radikal, wie immer nur junge Menschen, einten sich die Gruppe und der Bund in der Jugendbewegung, sie schlössen sich zu einer engen, menschlichen Gemeinschaft zusammen. Die Individuen gingen unter und es ward ein Kollektivum; der eigenwillige Geist des Einzelnen wurde zu einem Kollektivgeist, die freie Willensentscheidung des Einzelnen wurde zur Kollektiventscheidung. Der Führer der Gruppe, solange er selbst vom Rhythmus des lebendigen Gruppenganzen getragen war, war nicht so der Gestaltende, wie er der Gestaltete war, der, der vom Geiste der Gruppe so und nicht anders bestimmt wurde, so und nicht anders handelte: er war die Verkörperung des Kollektivums. Hierin aber liegt die Starke und die Schwäche der Jugendbewegung zugleich, sei es nun die allgemein-deutsche oder die jüdische, die wir betrachten, — dies ist ihnen gemeinsam . Aus dem Kollektivgeist, der soeben beschrieben wurde, erklärt sich jene dynamische Macht, mit der die Jugendbewegung während ihres Blühens auf das Volksganze und auf die Kultur des Volkes wirkte. — Man vergegenwärtigt es sich selten, wie intensiv diese Wirkung war, wie so vieles von ihr erfaßt wurde: Literatur, Kunst, Dichtung und Musik, Kirche und Religion, Erziehung, Pädagogik und Psychologie; aber auch Mode und Kleidung, Ernährung und Hygiene: all das, was wir das Leben eines Volkes nennen, hat starke Einflüsse von der Jugendbewegung erhalten; erst der spätere Kulturhistoriker mag die Distanz haben, sie in ihrer Bedeutung völlig zu übersehen. 282