Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Jüdische Jugendbewegung
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 281 (sequence 3)
- Language
- German
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Jüdische Jugendbewegung Logenbrüdern der Stuttgarter Berthold-Auerbach-Verein gegründet, 1896 gründet die Frankfurt-Loge unter Führung von Marcus Horovitz den Montefiore-Verein in Frankfurt (beide sind noch heute tätig am Werk), und nun entstehen in rascher Folge, immer mit Hilfe und Unterstützung der Logen, jüdische Jugendvereine an allen Orten. — Meist werden sie von jungen Akademikern und von Rabbinern geleitet, in ihnen sammelt sich die Jugend der Gemeinde. Wie um die Mitte des Jahrhunderts von deutschen Juden die Wissenschaft des Judentums fast neu entdeckt wurde, so sollte nun der jungen Generation das Wissen um's Judentum näher gebracht werden; aber auch Geselligkeit und Freude sollten zu ihrem Recht kommen. 1896 gründete Karl Fischer zu Steglitz den Wandervogel. Er breitete sich rasch aus. Und diesmal dauert es nur ein halbes Menschenalter, bis die jüdische Jugend denselben Weg beschreitet: 1912 gründen nämlich zionistische Studenten den ersten Bund der jüdischen Jugendbewegung, den Blau-Weiß. Eine neue Epoche beginnt! Und hier entsteht die Frage: Wieso entstand der B.W.? Seine Gründer sind zunächst Studenten: das will sagen, daß sie dem Geiste der Schule, aus der sie soeben gekommen waren, feindlich gegenüberstehen. Sie sind jüdische Studenten: das will sagen, daß sie die Atmosphäre der Hochschule mit ihrem dumpfen Antisemitismus abstößt. Sie sind zionistische Studenten, aus dem K. J. V.: das will sagen, daß sie die jüdische Situation ihrer Eltern für sich ablehnen. Ablehnung, Ablehnung, Ablehnung: aus diesem „Ablehnungs-Komplex" entsteht der Wille dieser jungen Menschen, einmal etwas anderes zu tun. Ihr besonderes Menschentum, aus weltanschaulichen Gründen so und nicht anders geworden, sieht vor sich die deutsche Jugendbewegung und ahnt sofort, daß hier die Aufgabe, die Erfüllung liegt. Die jüdische Jugendbewegung ist geboren. Aus dem „Ablehnungs"-Komplex, der bekanntlich immer als seelische Grundeinstellung der Jugend innewohnt, erklärt sich nun auch, warum der erste Bund der jüdischen Jugendbewegung zionistisch war. (Auch, daß es vielleicht der letzte sein wird, ist kein Zufall, soll aber hier nicht behandelt werden.) Aber nun folgen rasch andere Bünde nach, vor allem die „Kameraden", die sich einen deutsch-jüdischen Wanderbund in programmatischer Kürze nennen, bald dann die Zwerg- und Splitterbünde, beglückend in ihrer Vielfältigkeit, wenn sie den Keim des Unterganges nicht schon in sich trügen. All das vollzieht sich anscheinend nach gewissen Gesetzen, deren Gültigkeit sich in der allgemein-deutschen Jugendbewegung genau ebenso beobachten läßt. 281