Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Der Humanitätsgedanke bei Wilhelm Wundt
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 269 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Humanitätsgedanke bei Wilhelm Wundt seien." *) Das letzte Ziel alles Sittlichen ist nicht die allgemeine Wohlfahrt, sondern das sittliche Ideal, das er in der Idee der Humanität sieht. Das wird noch deutlicher, wenn Wundt an die Bestimmung der s i 11 - lichenZwecke geht. Diese bilden ja den Lebens- und Kernpunkt jeder Ethik; denn von ihnen wesentlich ist die Frage abhängig, nach der Wundt den Wert jeder Ethik bemessen will, die praktische Frage: was sollen wir tun? Die ethischen Zweckgebiete lassen sich als drei konzentrische Kreise darstellen, je nachdem das sittliche Handeln auf die einzelne Persönlichkeit oder auf die soziale Gemeinschaft und zuletzt auf die allumfassende Einheit des geistigen Lebens sich bezieht. Daraus ergeben sich die drei Gruppen der individuellen, der sozialen und der humanen Zwecke. Individuelle Zwecke sind die Selbsterhaltung und die Selbstvervollkommnung, die aber nur unter der Bedingung sittlich berechtigt sind, daß sie allgemeinen Zwecken dienen: „Sich selbst erhalten zu allgemeinen, nicht zu bloß individuellen Zwecken, beglückt sein durch allgemeine, nicht durch bloß individuelle Zwecke des eigenen Handelns, seine Fähigkeiten ausbilden und vervollkommnen, nicht um individuellen, sondern um allgemeinen Zwecken zu dienen: dies ist die Maxime, nach der wir unsere sittliche Beurteilung individueller Willenszwecke einrichten".2) Als soziale Zwecke nennt Wundt die öffentliche Wohlfahrt und den allgemeinen Fortschritt. Diese dienen wieder den humanen Zwecken, in die alle anderen Zweckgebiete aufgehen. Man sieht auch hier, wie der Gedanke der Humanität die ganze Ethik Wundts beherrscht, ja wie sie in ihm gipfelt. Die humanen Zwecke können niemals Lustwerte sein, sondern objektive geistige Werte, „die aus dem gemeinsamen Geistesleben der Menschheit hervorgehen, um dann wieder auf das Einzelleben zurückzuwirken, nicht damit sie sich hier in eine objektiv wertlose Summe von Einzelglück verlieren, sondern damit aus der schöpferischen Kraft individuellen Geisteslebens neue objektive Werte von noch reicherem Inhalt entstehen".2) Als solche objektiven geistigen Güter bezeichnet Wundt einerseits Staat, Kunst, Wissenschaft und allgemeine Kultur, andererseits die fortschreitende sittliche Vervollkommnung der Menschheit. Aus der Bestimmung der ethischen Zwecke ergeben sich die Normen des sittlichen Handelns. Sie gliedern sich den Zweckgebieten entsprechend in die drei Gruppen der individuellen, sozialen und hu- *) Wundt, Ethik, 4- Auflage II, S. 277. 2) Ethik HI, S.80. 269