Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Der Humanitätsgedanke bei Wilhelm Wundt
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 268 (sequence 4)
- Language
- German
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Otto Conrad heimlichen Tauschhandel des primitiven Menschen, der nächtlich aus dem Urwald herausschleicht und das gejagte Wild niederlegt, um es ungesehen von seinen Nachbarn gegen Werkzeuge und Schmuck zu vertauschen, und dem Handelsverkehr einer Zeit, in der Flotten die Meere und demnächst Schiffe die Lüfte durchschneiden, um die Völker aller Weltteile zu einer großen Verkehrsgemeinschaft zu verbinden".1) Wenn es einen Fortschritt in der Geschichte gibt, an den wir mit Wundt glauben, dann wird es mit der fortschreitenden Weltkultur auch ein Zeitalter der Humanität geben. Wundt ist der Überzeugung, daß es eine Einheit des Menschengeschlechtes gibt. Neuere Denker haben das weiter ausgeführt. Ich nenne hier nur Emil Gott: „Das Volk und gar erst das, was wir Menschheit nennen, bildet eine Pyramide von notwendig ungeheurer Basis. Von der Spitze, die nur ein Punkt sein kann, bis zum letzten Quader der Basis bildet sie ein ununterbrochenes, von Leben durchflutetes Ganzes, in dem das Untere das Obere trägt".2) Der Gedanke der Humanität tritt bei Wundt nicht nur in seiner Völkerpsychologie zutage, er ist auch bestimmend für seine Ethik. Wie in seiner Psychogenese der Kultur, so ist auch in der Ethik der Entwicklungsgedanke das schöpferische Prinzip. Das sittliche Leben ist ein ins Unendliche fortschreitender Entwicklungsprozeß. Der Träger dieser Entwicklung ist der menschliche Wille als Gesamt- und Einzelwille, durch deren Wechselwirkung das sittliche Leben immer höher und höher steigt, zu dem sittlichen Ideal emporstrebend, das wir als Humanität verstehen. Wundt ist der schärfste Gegner des Eudämonismus und Utilitarismus. Die englische Wohlfahrtsmoral weist er energisch ab. In dieser Richtung stimmt er ganz und gar mit Kant überein. Er argumentiert: Wenn die sittlichen Werte mit den Lustwerten zusammenfallen, dann gibt es entweder überhaupt kein besonderes Gebiet des Sittlichen, oder man muß den Umfang dieses Begriffes so erweitern, daß man alles das, was sonfct nur als nützlich gilt, wie z. B. sinnliche Genüsse, Befriedigung des Ehrgeizes und der Eitelkeit, zum Inhalt des Sittlichen rechnet. In diesem Sinne, würden die Utilitarier sich entschließen müssen, „die Erfindung der Buchdruckerkunst, des Kompasses, der Dampfmaschine, des antiseptischen Wundverbandes für sittliche Handlungen zu halten; bei dem Schießpulver und Dynamit würden sie vielleicht im Zwiespalt bleiben oder sich dahin entscheiden, daß diese Erfindungen zur Hälfte sittlich, zur andern Hälfte aber sehr unsittlich 1) Ebenda, S. n. 2) Emil Gött, Gesammelte Werke I, 101. 268