Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Der Humanitätsgedanke bei Wilhelm Wundt
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 270 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Otto Conrad: Der Humanitätsgedanke bei Wilhelm Wundt manen Normen. In jedem dieser Gebiete kann wieder eine subjektive und eine objektive Norm unterschieden werden: die erste bezieht sich auf die Gesinnung, die andere auf den Zweck der Handlung. Die subjektive Pflicht eines jeden gegen sich ist die Selbstachtung. Sie schließt die Norm in sich: Denke und handle so, daß dir niemals die Achtung vor dir selber verloren gehe! Die objektive Pflicht der einzelnen gegen sich selbst ist die Pflichttreue. Dem entspricht die Norm: Erfülle die Pflichten, die du dir und andern gegenüber auf dich genommen! Über diesen individuellen Normen stehen die sozialen. Die subjektive Gesinnung, die die Grundlage aller objektiven Betätigungen von sittlichem Werte bildet, ist die Achtung des Mitmenschen. Ihr entspricht die Norm: Achte deinen Nächsten wie dich selbst! Die objektive Norm gründet sich auf den Gemeinsinn: Diene der Gemeinschaft, der du angehörst! Im Gebiete der humanen Zwecke ist die subjektive Tugend die Demut, die objektive die Selbsthingabe. Ihnen entsprechen die beiden humanen Normen: Fühle dich als Werkzeug im Dienste des sittlichen Ideals! und: Du sollst dich selbst dahingehen für den Zweck, den du als deine ideale Aufgabe erkannt hast!1) So wird die Idee der Humanität zu einem mächtigen Antrieb für den einzelnen wie für die ganze Menschheit. Wundt sagt: „Jene Idee hat damit einen nie zu erschöpfenden Inhalt gefunden, aus dem sich ein Pflichtbewußtsein der Völker entwickelt, das nun auch den sittlichen Lebensaufgaben des einzelnen vielfach die Richtung weist und das Ziel setzt."2) Wie kraftvoll ist hier die Idee der Humanität erfaßt! Und diese wirkt, um mit Goethe zu reden, auf jeden einzelnen von uns nicht nur als Treiberin, sondern auch als Trösterin. Sie gibt uns Mut und Kraft, daß wir über die Vergänglichkeit unseres Daseins hinwegkommen: „Deshalb richten wir überall, wo dem Einzeldasein Grenzen gezogen sind, unsere Blicke über dieses hinaus und erfreuen uns an der Hoffnung auf die Zukunft der großen sozialen Gemeinschaften, denen wir angehören, und mit denen wir an bleibenderen sittlichen Zwecken arbeiten; und wo auch diese Gemeinschaften unserem Blick entschwinden, da leben wir der Zuversicht, daß die humanen sittlichen Zw*cke, in denen endlich alles einzelne aufgeht, niemals verschwinden werden."3) So leuchtet uns schließlich der humane Gedanke als tröstender Stern in der Nacht des Todes. 1) Ethik III, S. i58. 2) III, S. 34o. s) III, S. 84- 270