Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Der Humanitätsgedanke bei Wilhelm Wundt
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 267 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Humanitätsgedanke bei Wilhelm Wundt Zeitalter leben. Der Königsberger Philosoph hat mit Nein geantwortet, aber er fügte hinzu: wohl leben wir in einem Zeitalter der Aufklärung. In ähnlicher Weise, meint Wundt, könnte man die oben aufgeworfene Frage beantworten: „Wir befinden uns auf dem Wege zur Humanität, wir sind aber vorläufig noch weit davon entfernt, das Ziel wirklich erreicht zu haben, und es kann bezweifelt werden, ob es in Anbetracht der menschlichen Unvollkommenheit jemals erreichbar ist, es sei denn, daß man diese TJnvollkommenheit selbst mit zur Humanität rechnet." Hat doch schon Herder gesagt, die Geschichte zeige uns nur ein unablässiges Streben nach „wahrer Humanität", das Ziel selbst aber liege jenseits alle Geschichte. Außerdem kommt es immer darauf an, was man unter Humanität versteht. Die Römer, die das Wort gebildet haben, dachten sich etwas anderes darunter als die Gelehrten und die Kraftmenschen der Renaissance, bei denen der Begriff der Humanität eine große Rolle spielt, und wieder anders dachten die Dichter und Denker des deutschen Idealismus. Wundt ist der Meinung, daß in dem Gedanken der Humanität zwei Seiten zutage treten: der Gedanke der Menschheit ebenso wie der der Menschlichkeit: „In ihrer Anwendung auf die Gesinnung des einzelnen Menschen wird so die Humanität zu einer über die Schranken aller engeren Verbände von Familie, Stamm und Staat hinausreichenden Schätzung der menschlichen Persönlichkeit als solcher; in ihrer Anwendung auf die menschliche Gemeinschaft aber wird sie zur Forderung eines idealen Zustandes, in. welchem diese Schätzung des menschlichen Wertes zur allgemeingültigen Norm geworden sei".1) Die vier Hauptstufen, in denen sich die Entwicklung zur Humanität vollzieht, bilden die Weltreiche, die Weltkultur, die Weltreligionen und die Weltgeschichte. Die Idee des Weltreiches beruht auf dem materiellen Triebe der fortschreitenden Erweiterung der Machtmittel eines Staates und auf dem idealen Gedanken der Welteinheit. Im Altertum war das römische Reich ein wirkliches Weltreich, das römische Reich deutscher Nation im Mittelalter, war es nur zum Schein. In der Neuzeit machte Napoleon einen vergeblichen Versuch, ein Weltreich aufzurichten. Der Einzelstaat hat bisher über den Weltstaat gesiegt: das zeigt auch der Ausgang des Weltkrieges. Wenn es aber auch kein Weltreich gibt, so gibt es doch eine Weltkultur. Diese beruht auf den Wechselwirkungen der Kulturvölker im wirtschaftlichen Leben wie in Sitte, Kunst und Wissenschaft. Wundt sagt: „Wie gewaltig ist die Kluft zwischen dem!) Elemente, S. 467. 267