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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 266

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Der Humanitätsgedanke bei Wilhelm Wundt
Date
1928-08-01
Page
266 (sequence 2)
Language
German
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Otto Conrad in seinen „Ideen" so hat Wundt in den „Elementen derVölkerpsychologie, Grundlinien einer psychologischen Entwicklungsgeschichte der Menschheit", eine Psychogenese der menschlichen Kultur zu zeichnen versucht. Allerdings: Herder ist Künstler und Dichter, Wundt Psychologe und Philosoph; Herder verfährt intuitiv und spekulativ, Wundt diskursiv und empirisch; Herder ist Individualpsychologe, Wundt Völkerpsychologe. Doch beiden erscheint der Humanitätsgedanke ais höchstes Ziel der menschlichen Kultur. Wundt unterscheidet vier Stufen der Kulturentwicklung. Die erste zeigt uns den primitiven Menschen in seinem relativ kulturlosen Zustande. Die zweite Periode nennt Wundt das Zeitalter des Totemismus. Es handelt sich um eine versunkene Welt, die erst die neuere Völkerkunde der Wissenschaft erschlossen hat. Aus den Darstellungen der Geschichte erfährt man nichts über diese Zeit. Will man den Begriff des Totemismus auf eine kurze Formel bringen, so läßt er sich wohl als eine Vorstellung bezeichnen, innerhalb deren das Tier zum Menschen die entgegengesetzte Stellung einnimmt wie in der heutigen Kultur. Denn im totemistischen Zeitalter herrscht nicht der Mensch über das Tier, sondern das Tier über den Menschen. Diese verehren heilige Tiere, wie das von den Babyloniern und Ägyptern allgemein bekannt ist. Allmählich freilich verstehen es die Menschen, die Tiere sich zu unterwerfen und in ihren Dienst zu zwingen. Damit beginnt die dritte Periode der Menschheitsgeschichte: Das Zeitalter der Götter und Helden. Der allgemeine Charakter dieses neuen Zeitalters besteht darin, daß die Einzelpersönlichkeit in den Vordergrund tritt. Unter Held versteht Wundt nicht nur die heroischen Kämpfernaturen, sondern jede machtvolle Persönlichkeit, er geht aber nicht so weit wie Carlyle, der in seinem bekannten Buche „Helden und Heldenverehrung" das Geschlecht der Helden mit dem nordischen Odin beginnen und mit Shakespeare und Goethe enden läßt, so daß das Heldenzeitalter von der Urzeit bis in die Gegenwart reichen würde. Das Zeitalter der Götter und Helden mündet schließlich in die letzte Periode ein, in der wir heute stehen: in das Zeitalter der Humanität Man sieht hier, daß für Wundt die Humanität die letzte und höchste Idee ist Die nationalen Staaten und die Volksreligionen bilden keine dauernden Schranken für das Streben des menschlichen Geistes. Die nationalen Gemeinschaften erweitern sich zu humanen Verbänden. Wundt stellt die Frage: Leben wir heute in einem Zeitalter der Humanität? Er weist auf Kant hin, der einmal die Frage aufgeworfen hat, ob wir in einem aufgeklärten 266

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