Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Der Humanitätsgedanke bei Wilhelm Wundt
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 265 (sequence 1)
- Language
- German
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Der Humanitätsgedanke bei Wilhelm Wundt^ Von Otto Conrad Der Humanitätsgedanke ist für uns die höchste sittliche Idee. In ihr gipfelt der deutsche Idealismus des 18. und 19. Jahrhunderts. Von ihr sind Schiller und Goethe in ihrem ganzen Denken und Schaffen ebenso durchdrungen wie Kant und Beethoven. Derjenige Klassiker, der die Idee der Humanität am reinsten vertreten hat, ist offenbar Herder. In seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" zeigt er, wie die Entwicklung des menschlichen Geistes die Humanität zum Ziel hat. Er entrollt ein großartiges Gemälde der Natur und Menschheit, beginnend mit der Stellung der Erde im Weltall und aufsteigend von der Beschaffenheit unseres Planeten, von der anorganischen zur organischen Natur, von Mineralien, Pflanzen und Tieren zum Menschen, zu den Anfängen der Kultur und ihrer Entwicklung vom Altertum bis zur Neuzeit Über der ganzen Entwicklung schwebt als höchste Bestimmung die Humanität: „Humanität ist der Zweck der Menschennatur, und Gott hat unserm Geschlechte mit diesem Zwecke sein eigenes Schicksal in die Hände gegeben. Betrachten wir die Menschheit nach den Gesetzen, die in ihr liegen: so kennen wir nichts Höheres als Humanität im Menschen; denn selbst, wenn wir uns Engel oder Götter denken, denken wir sie uns als idealische höhere Menschen." 2) Von den großen Philosophen des 19. Jahrhunderts läßt sich Wilhelm W u n d t, der Altmeister der Psychologie, mit Herder vergleichen. Wie Herder *) Um Irrtümern vorzubeugen, sei darauf hingewiesen, daß Wilhelm Wundt nicht verwechselt werden darf mit seinem Sohne Max Wundt, der als Jenenser Professor den völkischen Antisemitismus propagiert. 2) Herders sämtliche Werke, Ausgabe von Suphan, i4, S.207f. 265